25052014(025)

Foto Gedächtnisbüro 2014

Sönke Paulsen, Berlin

Mit der heutigen Siegesparade in Moskau haben sich die Russen noch mal einen kräftigen Schluck aus der Wodka-Flasche gegönnt – natürlich nur im übertragenen Sinne. Zumindest auf dem roten Platz war heute kein Alkohol im Spiel. Dafür aber viel militärisches Pathos.

Wer die Russen kennt, weiß auch, dass sie solche pompösen Auftritte, wie den heutigen mit über 16000 Soldaten und allem, was sie an Militärtechnik aufzubieten haben, geradezu lieben.

Es sei ihnen gegönnt, denn schließlich haben sie im zweiten Weltkrieg geblutet, wie kein anderes Volk und sie haben gesiegt. Es sollte also kein falscher Zungenschlag in den Kommentar eines deutschen Nachkömmlings hinein kommen, wenn der 9.Mai in Russland begangen wird.

Wenn man allerdings so seine Erfahrungen mit Russland und den Russen gemacht hat, als Nichtrusse freilich, kommt nicht ganz daran vorbei, sich kritisch zu äußern.

Zu oft habe ich in banalen Auseinandersetzungen des Alltags von meinen russischen Verwandten und Kollegen gehört: „Gittler kaputt!“  Wenn ein bisschen mehr Wodka im Spiel ist, dann ist man als Deutscher auch schnell ein „Faschist“, auch wenn es „nur“  darum geht, wer sich mehr um Oma aus Millerowa kümmern soll.

Die Russen instrumentalisieren den „Großen Vaterländischen Sieg“ eben, wann immer es ihnen gerade in den Kram passt. Wer dann widerspricht, gilt in zivilisierten russischen Kreisen schnell als russophob und in weniger zivilisierten Kreisen, aus denen meine Familie stammt, wie gesagt auch als Faschist.

Tatsächlich aber bin ich nicht russophob und auch kein Faschist – ich bin einfach zu nüchtern, um den heutigen Tag mit meinen Verwandten zu begehen.  Auch für die heutige Parade, in der alle drei Minuten ein vielstimmiges und vollkommen überdehntes „Houraah“ gerufen wurde, fühle ich mich nicht bereit.

Mein Vater, der sich als ehemaliger Hitlerjunge jeden militärischen Patriotismus abgewöhnt hatte, nannte so etwas auch „Hurrah-Patriotismus“, ohne explizit die Russen zu meinen. Er meinte einfach alle Leute aus allen Ländern, besonders auch aus Deutschland, die ihrem „Vaterland“ blind folgen, möglichst ohne nachzudenken.

Genau das Gefühl hat man mit Verlaub heute in Russland. Die Leute folgen einfach und rufen Hurrah. Das ergibt früher oder später eine Situation, in der man nur an die Vaterlandstreue appellieren muss, um die Menschen in Trance zu versetzen – ein Zustand in dem sie für alles gut sind, weil sie über nichts mehr nachdenken.

Im Anblick der eigenen Raketen lässt sich jedenfalls gut von Größe träumen, die man im Alltag leider nicht hat. Natürlich würden wir Deutsche umgekehrt nicht auf die Idee kommen, unsere Wiedervereinigung mit einer großen Parade von BMWs, Porsches und Mercedes zu feiern. Wohlmöglich mit offenen Anhängern, auf denen Kühlschränke, 3D-Fernseher und moderne Kernspintomografen zu bewundern sind. Aber eigentlich sollten wir das tun.

Warum?

Einfach nur um deutlich zu machen, dass Interkontinental-Raketen weder einen besonders hohen Unterhaltungswert haben, noch irgendjemanden komfortabel von A nach B bringen können, wie unsere Autos. Schließlich haben die modernsten Panzer, die in Moskau heute aufgefahren wurden, keinerlei Potenz, Erkrankungen zu diagnostizieren. Kurz, alles, was heute in Moskau aufgefahren wurde, verbessert die Lebenswirklichkeit der Russen in keiner Weise.

Statt also den alten „Sieg“ jedes Jahr wieder aufzuwärmen, wie wäre es denn mit einem neuen Sieg? Einem echten Sieg für die Menschen, der ihren Alltag, ihre Arbeit und ihren Wohlstand verbessert? Das ist die eigentliche Herausforderung für Russland 2015. Keine Großmachtgelüste, sondern Konsum- und Wohlstandgelüste, für die man auch endlich bereit ist, sich anzustrengen.

Liebe Russen, stellt endlich die Wodkaflasche in die Ecke, auch die, welche randvoll mit Pathos gefüllt ist und kommt endlich im einundzwanzigsten Jahrhundert an. Verbessert eure Lebensverhältnisse real, nicht geträumt. Wir stehen gern mit Rat und Tat zur Seite.

Wer jetzt wieder meckert und schimpft: „Gittler kaputt!“ dem kann ich nur zustimmen. Ja, ja, militärisch haben wir fertig, aber die Wirtschaft brummt. Ihr dagegen könnt zwar viel Wodka vertragen, aber leider keinerlei Kritik. Deshalb kommt ihr auch nicht voran.