Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Selten war unser Land so zerstritten, wie heute. Man kann sich noch an die späten Sechziger erinnern, wo das Bürgertum gegen die linke Subkultur wetterte und umgekehrt. Die Bandagen waren hart, die Vorwürfe noch härter und schließlich kulminierte dieser Kampf in einem linken Terrorismus, der Deutschland bis in die Neunziger Jahre hinein, in Atem hielt.

Das ist vorbei.

Dafür haben wir heute, angesichts der Migrationskrise, eine rechts-links-Polarisierung, die eigentlich keine mehr ist, weil sie sich durch alle politischen Lager zieht und derzeit beispielsweise bei der Partei „die Linken“ massive Tensionen auslöst. Aber nicht nur die Linke ist als Partei bis zum Zerreißen gespannt. Dasselbe geht für die Sozialdemokraten und die Unionisten, wo sich die Verfechter unterschiedlicher Werte, angesichts der Migration, besonders aus den islamischen Ländern, gegenseitig die Messer in den Rücken stoßen. Die Lage ist so angespannt, dass verschiedene Kommentatoren, ganz zu Recht, anmerken, dass es sich nicht um eine Debatte, sondern um einen regelrechten Krieg handelt, in dem nicht mehr diskutiert, sondern diffamiert und diskreditiert wird, um die Entmachtung des jeweiligen Kontrahenten zu erreichen.

Die Lage im Kampf aller gegen alle ist hier äußerst unübersichtlich. Wenn man allein bedenkt, dass ein grüner Oberbürgermeister und ein grüner Ministerpräsident scharf auf die Grenzen der Migration hinweisen, während das Mantra der Grünen-Anhänger ganz klar „Offene Grenzen“ lautet, ahnt man schon welche Widersprüche sich selbst bei den Grünen anbahnen. Kommunalpolitiker aller Parteien sehen die Lage wesentlich kritischer, als die Bundestagsabgeordneten und die Bundesregierung, während das Land zusätzlich noch einmal tiefe Gräben zwischen den alten und neuen Bundesländern bekommt, die dann wieder durch die Parteien im Osten und Westen laufen. Die CDU in Sachsen ist in ihren Einstellungen jedenfalls mit der in Schleswig-Holstein so zerstritten, wie Grüne und AfD auf Bundesebene.

Worum geht es hier eigentlich?

Wenn sich diejenigen, an denen sich der Streit um eine „offene Gesellschaft“ entzündet hat, die Zuwanderer also, wirklich öffentlichkeitswirksam äußern könnten, was ja in keinem politischen Lager und auch keinem medialen Lager stattfindet, würden alle sehr wahrscheinlich aufhorchen. Dann kämen ultrakonservative Einstellung aus syrischem, irakischem, afghanischem oder ghanischem Munde zum Tragen, die wir schon in den Fünfzigern hinter uns gelassen haben. Das Männerbild, das Frauenbild, das Gewaltmonopol der Familie (nicht des Staates), die Kompromisslosigkeit in den religiösen Einstellungen, die Verachtung von Minderheiten und, und, und.

Die neuen Objekte unserer Emanzipationsbestrebungen, die Zuwanderer, lehnen so ziemlich alle unsere Errungenschaften in dieser Hinsicht ab, oft einschließlich der Demokratie. Man lässt sie deshalb lieber nicht zu Wort kommen.

Auch unsere türkischen Landsleute kennen dieses Problem. Sie werden ausgerechnet von den politischen Lagern gehätschelt, deren Werte sie am meisten ablehnen (sprich von den Grünen und Sozialdemokraten sowie Teilen der Linken). Wer möchte, bei dem hohen Anteil von AKP-Anhängern, unter den türkischstämmigen Mitbürgern, behaupten, dass die Türken mit unseren Werten von Demokratie, Minderheitenschutz, Toleranz und Meinungsfreiheit d´accord sind?

Der Toleranzbegriff ist zu einem politischen Baseballschläger geworden

Toleranz war wohl einer der am meisten umkämpften Begriffe der Sechziger und Siebziger. Die linken Hegemonen haben diese Schlacht für sich entschieden und kaum einer aus dem konservativen Lager traut sich heute noch zu sagen, dass er mit seiner Toleranz am Ende sei.

Toleranz ist ein Muss, so als wäre es im Grundgesetz festgeschrieben, wo der Begriff aber nirgendwo auftaucht. Die Stellung wird dennoch gehalten, mit Stacheldraht, Tretminen und Selbstschussanlagen, notfalls mit politischen Baseballschlägern, die diejenigen übergezogen bekommen, die sich von unserem Toleranzverständnis distanzieren möchten.  Kein Begriff aus dem Repertoire der politischen Korrektheit wird mit so viel Intoleranz bewacht, wie die Toleranz selbst.

Vergessen wird dabei häufig, dass unsere Gesellschaft längst zu vielfältig geworden ist, als dass man die engen Vorstellung von dem, was zu tolerieren ist und was nicht, halten kann. Wir brauchen eben auch Toleranz gegenüber Muslimen, die in ihrem eigenen Wertesystem unsere Werte teilweise ablehnen. Toleranz im richtig verstandenen Sinne bedeutet dann eben, dass unsere Werte nicht alle heilig sind. Was ist heilig daran, das traditionelle Familienbild aufzulösen, damit Männer und Frauen gleichberechtigt und im gleichen Maße erwerbstätig werden. Was ist heilig daran, mit offenen Haaren, statt mit Kopftuch durch die Öffentlichkeit zu laufen und was ist heilig daran, in einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft den einzig wahren Fortschritt zu sehen? Sexuelle Freizügigkeit, was ist heilig daran? Sind das alles Werte, die wir anderen Menschen, die mit uns leben, aufdrücken müssen?

Was ist das für ein Wert, offene Grenzen für alle zu fordern? Welcher Wert ist das, einen europäischen Staat anzustreben, in allen Ländern die gleichen gesellschaftlichen Vorstellungen zu erwarten, wenn wir diese noch nicht einmal in Deutschland haben? Welchen Wert hat Gendermainstreaming, die Abschaffung von Geschlechtern? Wie wichtig ist es, dass Homosexuelle überall in Europa heiraten dürfen? Für die Homosexuellen sicher wichtig, aber für den Rest der Gesellschaft?

Wie tolerant ist man also gegenüber denjenigen, die nicht alles tolerieren wollen, die Traditionen ganz oben an stellen und ihre Religion auf einer Stufe mit dem Staat und seinen Regeln sehen? Wie tolerant sind diejenigen, die alles tolerieren wollen, was fortschrittlich, emanzipatorisch und liberal ist, gegenüber denjenigen, die nicht alles tolerieren wollen, was die Toleranten tolerieren? Ziemlich intolerant, glaube ich.

Was wir brauchen ist Werte-Toleranz

Die Deutschen wussten schon immer, was richtig und was falsch ist, auch wenn sie komplett auf dem Holzweg waren, wie der Nationalsozialismus eindrucksvoll vorgeführt hat. Das gilt eben auch für die linken Hegemonen in unserem Land, die den Toleranzbegriff für sich und ihre eigenen Wertvorstellungen besetzt halten.

Das gilt auch im Alltag für Männer, die nur ein bestimmtes Frauenbild und Frauen, die nur ein bestimmtes Männerbild gelten lassen und sonst keines. Es gilt für die Erleuchteten der Pädagogik, die genau wissen, was richtig und was falsch ist und das sogar pseudowissenschaftlich belegen können. Es gilt für Nichtraucher und die Sportler und die Hundebesitzer und deren Feinde, es gilt für die Autofahrer und Radfahrer, die sich im Krieg miteinander befinden, es gilt für die da oben und die da unten.

In Deutschland gibt es überhaupt gar keine Wertetoleranz. Das muss einmal so festgestellt werden.

Dieser Zustand der totalen Intoleranz gegenüber Andersdenkenden hat zu dem totalen Krieg aller gegen alle geführt, in dem wir uns gerade befinden. Es kämpfen Wessis gegen Ossis, Tatoo-Träger gegen solche ohne, es kämpfen Nichtraucher gegen Raucher, es kämpfen Dünne gegen Dicke, Sportliche gegen Unsportliche, Reiche gegen Arme, Vegetarier und Veganer gegen Fleischesser.

Wer einmal auf einer Dating-Seite unterwegs war und nach einer Partnerin gesucht hat, weiß, was das bedeutet. Eine schreibt in ihrem Profil: „Bitte nur Westdeutsche Persönlichkeiten mit gut bezahltem Job, ohne Tatoos und Nichtraucher mit tadellosem Benehmen.“

Gibt es dazu noch mehr zu sagen? Eben kein Einzelfall. Ob im Kleinen oder auf der Bühne der großen politischen Auseinandersetzungen, geht uns jede Toleranz gegenüber den Anderen ab, sofern sie anders sind. Die Werte-Intoleranz ist das politische Pendant zu eben dieser deutschen Enge, die bei Frauen ebenso verbreitet ist, wie bei Männern, bei Schwulen ebenso wie bei Vegetariern, bei Nationalisten ebenso wie bei Automobilsten und überzeugten Fahrradfahrern, in der SPD wie in der Union, bei den Grünen wie bei den Linken, die AfD und FDP nicht zu vergessen.

Wir haben nicht gelernt, die Werte und den Lebensstil anderer Menschen zu tolerieren, was man auch nicht lernt, indem man einfach wegguckt. Werte-Toleranz ist das Produkt aus eigenen Werten und der Fähigkeit, sich in andere Menschen, die ganz anders denken, einzufühlen. Daraus entsteht ein einsichtiges Verständnis von der Verschiedenheit der Menschen.

Bisher ist das nicht gerade eine deutsche Stärke. Gerade diejenigen, die sich eine multikulturelle Gesellschaft wünschen, müssen sich fragen, ob sie beispielsweise bereit sind, die Wertvorstellungen von Muslimen zu tolerieren?

Genau das aber geschieht nicht. Keine fragt sich und keiner fragt die Muslime. Man haut sich gegenseitig den Baseballschläger über den Kopf, statt sich füreinander zu interessieren.

Werte-Toleranz? In Deutschland Fehlanzeige. Gehen wir mal bei den geschmähten Russen nachschauen. Die haben einen Vielvölkerstaat und können das wesentlich besser, als wir.