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Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wird das Putins letzte Wahl? Wenn man seinen Aussagen glauben darf, würde er sich als Wahlverlierer auch mit einem Job als Mähdrescher-Fahrer anfreunden können.

Es sei ihm gegönnt. Mähdrescherfahren auf diesen riesigen russischen Weizenfeldern. Was kann ein Mann sich mehr wünschen?

In allem steckt ja ein Quäntchen Wahrheit. Bei Putin scheint, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, genau dieses Quäntchen aufzuleuchten. Denn der russische Präsident, der die Wahl schon so gut, wie in der Tasche hat, wirbt in diesem Wahlkampf nicht mit den Erfolgen seiner bisherigen Präsidentschaft, sondern mit dem untragbar gewordenen Zustand seines Landes!

„Eine Superaufgabe“ nennt er das, was ihn als alter und neuer Präsident in den nächsten fünf Jahren erwartet. Das Land muss radikal modernisiert werden und zwar in fast allen Bereichen. Hindernisse müssen „weggefegt“ werden.

Damit ist vermutlich aber kein neuer Marktradikalismus für Russland gemeint, sondern eher der Wunsch, die gewaltigen Probleme Russlands eben doch noch mit den Mitteln des Putinismus zu lösen.

Ich persönlich glaube, dass Putin selbst nicht mehr daran glaubt, aber als Kämpfernatur mit gewissem Hang zum Heldentum, genau das möchte. Ohne radikale Marktreformen, ohne eine schmerzhafte Phase, in der jeder gegen jeden kämpft und viele Leute sich politisch radikalisieren, das Land in die Globalisierung zu führen.

Ich glaube aber auch, dass Putin gar nicht mehr die Möglichkeit hat, grundlegende Reformen in Russland durchzusetzen. Denn auch Russlands Präsident braucht ein Netzwerk von loyalen Mitstreitern, das es in Russland nur um den Preis der persönlichen Bereicherung gibt. Allein wegen Putins Machtbasis im Land wird es wohl kaum dazu kommen, dass Putin sein Land wirtschaftlich nach vorn katapultiert. Denn alle haben sie etwas zu verlieren.

Ein bisschen erinnert diese Tragik, an das Problem unserer Kanzlerin. Merkel weiß, dass der Merkelismus ausgedient hat. Sie mag vielleicht noch daran glauben, aber sie verkörpert das nicht, weil die Zeiten gegen die friedliche Melange ohne Kanten und Härten laufen, für die Angela Merkel steht. Der Frust springt ihr geradezu aus dem Gesicht. In einer Zeit, in der überall „Tacheles“ geredet wird und die Dinge wieder korrekt und nicht politische korrekt benannt werden, versucht Merkel noch eine „Super-EU“ aufzubauen? Zusammen mit Macron, während die Briten über ihren Austritt verhandeln und die EU sich nicht nur nach Süden hin, sondern jetzt noch viel deutlicher im Osten (Visegrad) spaltet?

Sicher wird Angela Merkel, die Koalitionsverhandlungen mit der SPD zuende führen, die SPD-Basis wird zustimmen und die alte Kanzlerin wird auch die neue werden, aber in was für einem inneren Zustand?

Kürzlich gab sie zum Besten, dass sie sich gern in ihren Garten zurückzieht. Es sei ihr gegönnt.

Damit keine Irrtümer entstehen. Putinismus und Merkelismus sind beides Erfolgsrezepte der letzten Jahrzehnte. Sehr unterschiedliche Erfolgsrezepte, die aber eine Gemeinsamkeit haben. Sie leiten sich aus dem Führungsstil der jeweiligen Staatschefs ab. Wie alles im Leben führen auch diese Führungsstile irgendwann in die Sackgasse. Der normale Ausweg ist dann, ein Stück zurück zu gehen und sich nach einem neuen Abzweig umzuschauen. Das ist aber mit Führern, welche mit ihrem Namen eine ganze politische Epoche benennen, nicht zu machen. Dagegen spricht noch nicht einmal die Flexibilität von Putin und Merkel, sondern vor allem der subtile Machtapparat, der sie trägt.

Also müssen beide weitermachen, bis es nicht mehr geht. Zu ihrem Unglück sind auch beide, Putin und Merkel innerlich so stark mit ihrer Verantwortung verwachsen, dass sie einen der wichtigsten politischen Schachzüge nicht mehr anwenden können. Den Rückzug.

Was Gerhard Schröder, der Deutschland, wie kein Zweiter im 21. Jahrhundert , mit der Peitsche in die Zukunft getrieben hat, auch nicht gekonnt hätte, wenn er nicht abgewählt worden wäre, können Merkel und Putin erst recht nicht.

Beide haben ihr Instrumentarium längst ausgeschöpft und sind jetzt nur noch System-Erhalter. In einem Wirtschaftsunternehmen würden solche Leute einfach einen neuen Vorgesetzten bekommen, also entmachtet werden, weil sie keine Innovationen mehr bringen.

Aber in der Politik ist dieser Ausweg eben oft genug versperrt. Was wäre aus Deutschland und Europa ohne Merkel und was wäre aus Russland ohne Putin geworden? Dieser Nimbus wird beide zwingen, weiterzumachen, bis sie umfallen.

Weder Merkel wird sich ernsthaft ihrem Garten widmen, noch Putin über die weiten russischen Felder mit seinem Mähdrescher fahren können, obwohl es beiden wirklich zu gönnen ist.

Aber die Politik ist grausam!