30052014

Sönke Paulsen, Berlin

Nizza Die Armut in Frankreich nimmt erkennbar zu. Die politische Radikalität auch, allerdings am stärksten bei den Gewerkschaften. Rechtsradikale sucht man vergebens.

Ein Lagebericht sozusagen. Ich liege gerade auf meinem Hotelbett im Adagio Access, mit Blick auf die kalte futuristische Fassade des Kongresszentrums, Acropolis, in Nizza.

Viele Fotos habe ich gemacht, konnte es mal wieder nicht lassen, überall herumzulaufen. Schmerzende Füße sind der Preis.

Egal, die Stadt und die Region machen mich jedes Mal verrückt vor Neugier, wenn ich ein paar Tage im Jahr hier bin. Das geht schon seit zwanzig Jahren so, zwanzig Jahre oder mehr.

Seit der Wirtschaftskrise aber bekomme ich mehr Armut vor die Linse, unwillkürlich. Ich muss gar nicht zielen, um etwas zu finden. Dabei wäre es falsch zu behaupten, dass es an der Cote d´Azur vorher keine Armut gab. Es gab sie immer, aber versteckter, mehr im Hinterland oder in bestimmten Stadtvierteln von Marseille bis Menton.

Heute ist Samstag, gestern Abend stieß ich vor einer Kirche auf eine Essensausgabe für Arme. Die Schlange war lang, es wurde Fleisch für das Wochenende verteilt. Die Leute warteten ruhig, bis sie dran kamen, viele von ihnen erkennbar ohne Migrationshintergrund, typische Franzosen, Ältere, Frauen mit vielen Kindern, Mitteleuropäer. Vielleicht die Hälfte der Schlange eher Leute mit dunklem Teint, vielleicht afrikanischer, vielleicht arabischer Herkunft. Ich habe nicht gefragt. Ich war fasziniert vom Licht, das aus den geöffneten Türen der Kirche kam, vor der die Verteilung an großen Tischen vor sich ging. Das Licht war warm, die Kirche wirkte freundlich.

Etwas Ähnliches habe ich hier noch nie gesehen.

Auf der Promenade  des Anglais gab es in den Neunzigern noch jede Menge Luxuslimousinen zu bestaunten. Jetzt gibt es in der ganzen Stadt vor allem Kleinwagen älteren Baujahrs und die berühmten Motorroller, die sich überall durchschlängeln. Man sieht viele alte Leute, die ärmlich aussehen. Die Armut in Nizza ist vor allem eine Altersarmut und im Gegenteil auch eine Kinderarmut. Das alles trotz des relativ guten französischen Sozialsystems. Vielleicht, denke ich mir, wollen die alten Nizzarden ja auch einfach nur die Tradition hochhalten und kaufen sich deshalb keine neuen Sachen, auch wenn die alten schon kaputt sind. Ich wage nicht zu fragen.

Traditionell ist im modernen Nizza viel, es wirkt so, als käme das Alte und  das Neue gut miteinander aus. Direkt gegenüber dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst gibt es ein Traditionsrestaurant wo schon Belmondo Stockfisch gegessen hat. Der Betreiber ist alt und heißt Balico, seinen Salade Nicoise muss man gegessen haben. Ein Fest für die Sinne! Das alte Restaurant wirkt dabei nur so lange schäbig, bis man den Teller vor der Nase hat. Dann vergisst man alles und genießt einfach nur noch. Der Salat kostet 12,50, der Chef kommt öfter vorbei und gießt mir gutmütig und ungefragt noch etwas Öl auf die Tomaten. „C´est important“ sagt er freundlich und ich lasse ihn gewähren. Wie zur Erklärung bringt er mir später noch ein paar Zeitungsartikel an den Tisch. Berichte über seine Kochkunst und sein besonderes Verhältnis zu Tomaten. Über Politik reden wir nicht.

Am Nachbartisch wird heftig debattiert. Ich verstehe nur die Hälfte und traue mir kein Urteil zu. Aber eines fällt auf. Diskutiert wird vor allem in den Restaurants und Bars der Alten. In den modernen Bars , wo gestern Abend vor allem die jungen Leute Live-Musik hörten, Wein tranken, genau wie ihre Eltern ein paar Läden weiter, hörte man keine Diskussionen, keine Politik, in den touristischen Läden sowieso nicht. Schließlich hat man Urlaub.

An diesem Wochenende scheinen auch viele Franzosen in Nizza zu sein. Sie wirken bescheiden, nicht übermäßig schick, eher lässig. Manchmal wirken die Familien mit Kindern schüchtern und unsicher. Ein komischer Eindruck. Ich habe nie in meinem Leben darüber nachgedacht, das Franzosen auch schüchtern sein können und dazu im eigenen Land.

Was will ich sagen? Die Armut scheint zuzunehmen, manchmal schwer zu unterscheiden von Bescheidenheit und Tradition vor allem bei den Älteren. Es ist schwer etwas über diese Armut zu sagen, die objektiv in Frankreich zunimmt, wenn auch nicht so krass wie in den anderen Mittelmeerländern. Aber hier in Nizza ist die Armut ohne Zweifel multikulturell, betrifft keinesfalls nur Menschen mit Migrationshintergrund.

Im Fernsehen gibt es jede Woche neue Berichte über teils gewalttätige Auseinandersetzungen bei Gewerkschaftsveranstaltungen, Demonstrationen und Märschen. Hollande will bei den Regionalverwaltungen etwa 12 Milliarden Euro einsparen. Alles löst hier Protest aus, teilweise sehr harten Protest. Die Franzosen sind bei ihrem Kampf gegen den Sozialabbau nicht zimperlich, das waren sie aber noch nie. Prügelszenen bei Streiks sind hier keine Seltenheit, bei uns ist  das unüblich. Hier werden auch gern mal ein paar Manager als Geiseln genommen und keiner regt sich lange darüber auf. Nach einer Zeit werden sie wieder frei gelassen. Zu Schaden gekommen ist bei solchen Aktionen wohl noch keiner.

Bei uns rümpft man die Nase. Keine Gewalt, bloß keine Gewalt, das ist barbarisch. Sind die Franzosen unzivilisierter? Oder haben sie einfach verstanden, worum es gerade geht?

Keine Ahnung. Hier im Var, in der Provence, an der Cote d´Azur wählt man traditonell konservativ. Hier hat auch die Front National einen starken Stand. Bei der Europawahl dürften es in dieser Region sogar mehr als dreißig Prozent gewesen sein, die für Marine Le Pen gestimmt haben. Merken tut man davon nichts. Aber ich bin hier eben auch in Nizza, nicht in Grasse, in Aix oder Arles, nicht in Marseille, wo ich morgen hin will. Nizza ist multikulturell und unterscheidet sich vor allem zwischen den Reichen oben auf den Hügeln und den Armen hier unten. Die Herkunft spielt da wohl die geringere Rolle.

Trotzdem sind in Frankreich die Konzessionen an die Rechten unverkennbar. Schon Sarkozy hat Sintis und Romas aus Frankreich ausgewiesen und Hollande verschärft jetzt das Wahlrecht für Migranten. Die eigentlichen Kämpfe aber finden nicht so sehr zwischen Franzosen und Migranten statt, auch nicht zwischen Tradition und Moderne. Die wirklich radikalen Kämpfe scheinen die Gewerkschaften zu führen und werden dabei immer verzweifelter und auch radikaler. Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit ist es im Augenblick, der die Franzosen bewegt.

Die Front National ist ein Protestphänomen gegen Globalisierung, gegen die Zerstörung der Tradition, die vielen Franzosen immer noch heilig ist und der nationalen Identität. Wer würde in Deutschland schon begeistert vom Wirt ein Fußball-Kärtchen auf den Tisch gelegt bekommen,  mit dem auf das morgige Spiel zwischen Frankreich und Paraguay hingewiesen wird?

Die Diskutanten am Nachbartisch stehen Einzeln auf und gehen ihren Erledigungen nach, zwei bleiben sitzen und halten die Stellung, immer wieder kommt jemand neues dazu und bestellt sich etwas, hört zu oder redet mit. Die Franzosen lieben ihren traditionellen Lebensstil, sie fürchten wohl, dass die Globalisierung ihnen diese Kultur kaputt machen könnte. Viele betonen schon seit Jahren das Nationale,  wie politische Fanatiker sehen die aber nicht aus, schon gar nicht wie Faschisten.

Man weiß aber nicht, was hier passiert, wenn die Armut weiter auf dem Vormarsch bleibt.

Gestern gab es einen Bericht über einen Elektromechaniker, der eintausendneunhundert Euro für sich und seine Familie verdient, ein stolzes Gehalt, wollte der Bericht glauben machen. Tatsächlich reicht das aber in Frankreich kaum, eine Familie zu ernähren. Es hätte mich nicht gewundert, wenn ich diesen Mann gestern Abend bei der Verteilung von Lebensmitteln vor der Kirche wiedergesehen hätte. Die Gradwanderung zwischen dem kleinen Wohlstand und dem sozialen Absturz wird auch in Frankreich immer schmaler.

Wenn sich die Franzosen tatsächlich nach rechts radikalisieren sollten, dann weiß man zumindest warum. Grund ist die Verarmungspolitik in der EU und die fehlende Solidarität der europäischen Staaten. Vielleicht kommen wir ja irgendwann zur Erkenntnis, dass der ungehemmte Kapitalismus direkt in den Faschismus führt. Einige Beispiele dafür gibt es ja schon. Die Franzosen aber sind bisher kein Beispiel und werden es wohl auch nicht. Es widerspricht ihrer Mentalität. Trotz dieser Wahlergebnisse. Die Franzosen sind für mich unverdächtig.