Moriarty

Screenshot aus Sherlock Holmes, Jim Moriarty im vorrübergehenden Besitz der Kronjuwelen

Jim Moriarty, London

Wie kann es sein, dass der BBC, in geradezu hellsichtiger Manier, mit Sherlock Holmes, eine geniale Figur der Literaturgeschichte auf das heutige Parkett stellt und diese mit der ganzen Komplexität unsrer Zeit ausstattet. Wenn auf der anderen Seite die britische Politik auf die vordergründigste Deutung des Anschlages von Salisbury einsteigt und daraus eine Eskalation der britisch-russischen, ja europäisch-russischen Beziehungen werden lässt, die wir seit dem kalten Krieg nicht mehr gesehen haben?

Ist Politik per se nicht intelligent? Oder verfügen unsere europäischen Regierungschefs über ein Faktenwissen, von dem wir nur träumen dürfen?

Oder?

Halten Politiker und Journalisten Verwirrspiele a la Sherlock Holmes tatsächlich für reine Fiktion und finden es einzig seriös auf die erste Hypothese einzusteigen, die man zu einem solchen Agententhriller um die Familie Skripal finden kann?

Es fällt gleich ein ganzes Bündel von kognitiven Verzerrungen in der öffentlichen Darstellung des Falles Skripal auf

Aus der Psychologie fallen gleich gleich ganze Bündel von Erklärungsmustern auf, warum die EU hartnäckig darauf besteht, dass der Anschlag gegen Skripal und seine Tochter vom Kreml in Auftrag gegeben oder zumindest gebilligt wurde. „First Impessions are lasting“, der erste Eindruck sitzt und das „Ankern bei einer Lieblingshypothese“ (Anchoring). „Group Thinking“,  das mögliche Wahrheiten zu Gunsten eines Gruppenkonsenses opfert und schließlich das passend machen von Informationen, welche die eigene „Lieblings-Hypothese“ stützen sollen und das „Präferieren von Downhill-Faktoren“ solchen Argumenten also, die das angenommene Szenario (hier Moskau hat das Attentat zu verantworten) stützen, während die Uphill-Faktoren, die das Szenario beschädigen können und zugleich schwieriger zu erkennen sind, einfach ignoriert werden?

Ob man, als Erklärung dieser, fast schon sensationellen, kollektiven politisch-medialen Fehlleistung, tatsächlich einen Intelligenzmangel heranziehen muss, erscheint ebenfalls fraglich. Zu vordergründig und einfach, um ein solches Schauspiel der diplomatischen Eskalation schlüssig zu begründen.

Wenn man allerdings alternative Erklärungsmuster heranzieht, wird man sich schnell im Nebel der Verschwörungstheorien verlaufen können. Einen Vorteil hat das Verschwörungsdenken aber. Es schult die Überzeugung, dass nichts so ist, wie es scheint.

Nichts ist so, wie es scheint

Wenn unsere Regierungschefs dumm und hysterisch wirken, sind sie es vielleicht gar nicht, sondern von ganz anderen Faktoren getrieben, die wir vielleicht nicht kennen?

Sherlock Holmes würde genau in diese Richtung denken. Seine Genialität beruht darauf, zu fragen, welche Fakten (Informationen) es noch gibt, ganz gleich, wie viele es sein mögen. Er scheut die Komplexität nicht!

Es gibt den Brexit. Es gibt eine kürzlich wieder gewählte, deutsche Kanzlerin. Es gibt Polen auf antieuropäischen Abwegen aber mit größten Ängsten vor Russland. Es gibt eine enge politische Vertrauensbindung zwischen Polen und Großbritannien, die durchaus dazu führen könnte, dass die Polen den Briten auf ihrem Weg aus der EU folgen könnten.

Es gibt die Wiederwahl Putins und es gibt Trump, der sich nicht gegen Russland stellen mag und zum Jagen getragen werden muss. Es gibt Geheimdienste, die sich mit Nervengiften auskennen und eine schlagende, politisch-mediale Erfahrung, wie sehr chemische und biologische Kampfstoffe Regierungen in Misskredit bringen, ja zum Abschuss freigeben können. Seien sie nur behauptet, wie im Falle des Irak oder real vorhanden, wie in Syrien.

Außerdem, an dieser Stelle verabschiedet sich der Autor von der Hoffnung, wie Sherlock Holmes denken zu können, gibt es unzählige, ungeklärte und noch viel mehr unentdeckte Details im Fall Skripal.

Egal, bleiben wir bei den Offensichtlichkeiten.

Es gibt diese schwere Krise zwischen der EU und Großbritannien. Eine Solidarisierung ist fast schon ein psychologischer Zwang. Großbritannien wurde angegriffen, also stehen jetzt alle zusammen (die EU-28 Regierungen wollen diplomatische Konsequenzen gegen Russland ziehen), man ist schließlich noch gemeinsam in der Nato. Eine Verschiebung des ungelösten Wirtschaftskonfliktes auf den einfacher darzustellenden Bereich der militärischen Zusammenarbeit? Einender Gegner ist Russland.

Es gab diesen Wahlkampfauftritt des russischen Präsidenten, in dem er die Hälfte der Zeit nutzte, um russische Wunderwaffen zu projizieren und dem Westen indirekt zu drohen. „Sie haben uns lange nicht zugehört – hören Sie uns jetzt zu!“

Dann gibt es Polen, das derzeit auf seiner national-konservativen Wende besteht und sich Monat um Monat antieuropäischer geriert – ein Polxit steht im Raum. Tatsächlich verkündet Kazcinsky auf seinen wöchentlichen Demonstrationen in Warschau immer aggressiver, dass Polen notfalls aus der EU austreten müsse. Er vergleicht die Brüsseler Okkupation mit der Zeit der sowjetischen Vorherrschaft in Polen und der Besetzung durch Nazi-Deutschland, fordert hier Reparationszahlungen. Polen sei von Feinden eingekreist. Die einzigen, welche den Polen traditionell Unterstützung bieten, sind die Briten und die treten ja auch gerade aus der EU aus (wo Deutschland mächtig ist) jedoch nicht aus der Nato (wo Großbritannien in Europa das Sagen hat).

Es scheint also so etwas zu geben, wie eine „überdeterminierte“ politische Motivationslage, sich auf das Gebiet der militärischen Konfrontation zu begeben, was ja auch irgendwie diplomatisch eingeleitet werden muss.

Da suchen gerade zerstrittene Konfliktparteien den Schulterschluss gegen einen äußeren Feind.

Im Augenblick weiß man nicht, wie weit diese Leute bereit sind, zu gehen. Zumindest hat sich schon der Nato-Generalsekretär eingeschaltet und warnt vor neuen Bedrohungen durch Russland, sieht gar eine nukleare Bedrohung durch Moskau. Rhetorische Schachzüge, die einen Krieg mit Russland nicht gerade unwahrscheinlicher machen.

Last but not least haben wird den Trump-Faktor. Der amerikanische Präsident wurde gerade mühsam davon abgebracht, empfindliche Strafzölle gegen die EU zu verhängen. Schaffen es die Kriegstreiber mit ihrem Geschrei auch Trump zu einem neuen Schulterschluss zu bewegen? Wird es so etwas wie eine erzwungene wirtschaftliche Allianz über eine stilisierte militärische Bedrohung geben? Kurz, kann man Trump dazu bringen, seinen Wirtschaftskrieg mit der EU zu verschieben, um in den wichtigeren Krieg gegen Russland einzusteigen?

Allein der Versuch der EU-Regierungschefs bringt schon die Sympathien der neokonservativen Opposition gegen Trump in US-Kongress und Senat. Das könnte bedeuten, dass Trump, bei dem Versuch, die EU als Feindbild aufzubauen, plötzlich „ohne Kleider“ dasteht, weil er den viel “schlimmeren Feind” konstant übersieht.

Natürlich ist das alles wieder eine Verschwörungstheorie, wenn es in Wirklichkeit auch nur eine Gruppendynamik beschreibt. Aber auch das geht schon zu weit, ist nicht mehr seriös.

Sollen wir deshalb die Anfangshypothese, die wir mit Sherlock Holmes geteilt haben, verwerfen?

Ich glaube kaum.

Nichts ist so, wie es am Anfang scheint.

Nichts ist so, wie man uns weismachen möchte.

(Autor des Artikels ist Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin unter dem Pseudonym Jim Moriarty, einer Filmfigur, die wie keine andere, Verwirrspiele beherrscht.)