Beitragsbild Wenders

Foto: Gedächtnisbüro 2014

Sönke Paulsen, Berlin

Ja, ich habe sie noch, VHS-Cassetten von den frühen Wenders-Filmen. Ich kann sie bloß nicht mehr anschauen, denn mein VHS-Videorekorder ist kaputt – schon lange. Das Problem ist allerdings kein Problem, weil ich mich dann eben an die Filme erinnern muss. Erinnern ist oft besser, als noch mal ansehen, weil mit der Erinnerung die ganze Zeit wieder hochkommt, die allerdings noch nie bei mir versunken war, die Bilder werden nur wieder heller im Gedächtnis – das reicht.

„Same player shoots again“, Wenders schießt immer noch mit seinen Fotokameras und am Filmset, aber irgendwie anders als früher. Er hat sich entwickelt, keine Frage, er ist berühmt, ohne Zweifel und vor allem eines: Wenders ist perfekt geworden, was man auch sehr schön an der aktuellen Fotoausstellung in seiner Heimatstadt Düsseldorf sehen kann, in der er ganz nebenbei auch sich selbst inszeniert, so dass es fast nicht auffällt. Aber eben nur fast.

Gut, die Zeit der Handke-Verfilmungen ist vorbei, die Angst des Tormanns beim Elfmeter habe ich noch im Kopf und will sie auch so im Kopf behalten, wie ich sie erlebt habe – nicht perfekt. Nicht perfekt, aber höchst real in einem sehr artifiziellen Sinne. Erlebte Realität eben, ohne und das ist das Wesentliche für mich, ohne jede Story. Denn auf die Story kam es damals nicht an. Es ging Wenders tatsächlich um die Wirklichkeit und sei es eben nur eine, von der man durch eine Glaswand getrennt ist. Wenigstens kann man sie sehen. Ein riesiger Unterschied zu allem, was danach kam und was es damals schon gab. Bestenfalls gab es einen Plot, den man aber nur erahnen konnte. Eine Story gab es damals nie – Gottseidank!

Wenders hat sich ebenso wie Handke immer gegen Klischees gewehrt und signalisiert dies auch noch heute. Gerade erst wurde er als Fanatiker der Wirklichkeit bezeichnet, was man treffender nicht mehr ausdrücken kann, nur dass Wenders inzwischen selbst zu einer besonderen Wirklichkeit geworden ist, er schafft Realitäten durch seine Filme und Bilder. Vorbei die Zeit, als er der Wirklichkeit ratlos und fasziniert gegenüber stand. Was er seitdem anfasst wird Wenders, nicht dieses unbeschreibliche Reale, er ist berühmt und unverkennbar. Dafür kann er nichts. Wie jeder berühmte Künstler ist Wenders längst an dem Punkt angekommen, an dem er auch sich selbst reproduziert. Warum auch nicht? Soll er all seine künstlerische Entwicklung preisgeben, für den Augenblick?

Was hätte Albert Camus geschrieben, wenn ihn nicht ein Autounfall getötet hätte? Ich meine dreißig Jahre später? Einen irgendwie gereiften Existentialismus? Oder hätte Camus Jahre nach seinem Tod auch nur Camus geschrieben, den alle Leute kennen?

Ich gönne Wenders seinen Ruhm und sehe seinen künstlerischen Wert. Aber er ist nicht mehr mein Wenders, ich bedaure die Veränderung. Same player shoots again? Ja und nein. Für uns war Wenders damals so bedeutend, weil er sich weigerte von der Wirklichkeit wegzugehen, wie eine Fliege an der Fensterscheibe jedes Detail , getrennt von ihr, preisgab und sich weigerte, irgendetwas zu manipulieren. Diese Fliege, so stellte ich mir damals vor, hätte den Spalt im Fenster niemals gefunden, wäre immer in der Beobachterrolle geblieben – aber sie ist es nicht. Wenders ist von der Fliege zum Weltkünstler geworden. Der Verlierer, für alle Verlierer der Held, weil er es hinnimmt, ist kein Verlierer geblieben.

Wir konnten uns damals nicht einmal vorstellen, dass Wenders jemals eine Freundin findet und ein normales Beziehungsleben führt. Dann hat er sogar eine sehr hübsche Freundin gefunden und ein paar Jahre später war er der Star von Hollywood. Vielleicht Deutschlands berühmtester Filmemacher?

Ach, wie wünsche ich mir all das zurück. Aber ich habe ja diese Filme nicht gedreht, die nur aus einer unbewegten Einstellung bestanden. Vielleicht bin ich deshalb so betrübt, weil ich mich nicht in diesem Sinne entwickelt habe? Vielleicht aber auch deshalb, weil mit seinem Ruhm vor allem etwas verloren gegangen ist, was mir fehlt und ihm vielleicht nicht. Das sprachlose Erstaunen vor der Leere, die Verzweiflung und Beruhigung hinterlässt, die Banalität des Seins, die so unendlich faszinierend ist, dass man meint, überhaupt keine Geschichten mehr hören und sehen zu wollen. Der Augenblick, der einen ganzen Film wert ist.

Handke ist diesen Weg weiter gegangen, als Wenders, aber nur ein Stück. Er wurde dann nicht mehr verstanden, als er über die Farbe und Form der Kiesel philosophierte. Wenders hat diesen „Fehler“ nicht gemacht und angefangen, Geschichten zu erzählen, die in bis nach Hollywood gebracht haben. Inzwischen stehen wir alle mitten im Leben und sind so weit weg von der Wirklichkeit, wie nie. Von damals kann ich mir alles vorstellen und denke noch gern an die grauen Häuserfassaden in Ost-Berlin, an den Geruch von Zweitakt-Gemisch und Ofenheizung in der Stadt. Von heute kann ich mir nichts mehr vorstellen, schon gar nicht die Tatsache, dass Wenders im nächsten Jahr siebzig Jahre alt wird. Bei mir kann Wenders nicht älter als Vierzig sein. Egal. Ich schreibe Unsinn.

Aber am Ende kommen wir alle im Nichts an und dann bereuen wir vielleicht, dass wir das leise Ticken des Sekundenzeigers nicht in vollen Zügen genossen haben, dass wir uns vom Unbegreiflichen abgewendet und dem Machbaren gewidmet haben – mit welcher Kunstfertigkeit auch immer!