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Die Grafik summiert prozentuale Zustimmungswerte aus einer Befragung von Berlinern und Brandenburgern zur Ängstlichkeit der Deutschen (2014, R+V-Versicherungen) auf. Grafik: Gedächtnisbüro 2015

Sönke Paulsen, Berlin-Brandenburg

Wenn man im Falle der Region Berlin Brandenburg von einem Team spricht, ist klar, dass beide Bundesländer bereits zusammen spielen. Sie tun dies auf der politischen Ebene, wenn auch überwiegend nur verwaltungstechnisch, beispielsweise bei der Landesversicherungsanstalt Berlin-Brandenburg oder einigen Gerichten, wie dem Sozialgericht. Auch wirtschaftlich gibt es schon Zusammenarbeit, insbesondere bei der Regionalentwicklung im Rahmen von EU-Projekten.

Das größte gemeinsame Projekt aber war ein echter Flop, bisher zumindest, der gemeinsame Hauptstadtflughafen kann wegen gewaltiger Bau- und Planungsfehler immer noch nicht ans Netz gehen. Wer weiß, ob er es jemals eröffnet wird, der BER? Es wird schon über einen kompletten Neubau nachgedacht.

Auf politischer Ebene sind die beiden Bundesländer bisher also kein so erfolgreiches Team, obwohl sie ähnlich regiert werden, von der SPD bzw. den Linken, weshalb man eigentlich mehr erwarten könnte. Oder gerade deshalb nichts erwarten kann?

Wie auch immer. Die Brandenburger pendeln fleißig zur Arbeit nach Berlin, wenn sie aus dem Umland kommen, und die Berliner fahren zur Erholung nach Brandenburg. Morgens staut es sich auf der Autobahn stadteinwärts und abends stadtauswärts, wie es sich gehört.

Warum also sollten die beiden Bundesländer nicht irgendwann wirklich, wie geplant, Hochzeit feiern und ein gemeinsames großes Bundesland mit Hauptstadt-Appeal werden?

Die Antwort ist schnell gegeben. Die Brandenburger waren dagegen.

Der Volksentscheid von 1996 war dabei vor allem eine Enttäuschung für die Westberliner, die mit fast 60%  für ein gemeinsames Bundesland stimmten. Dagegen waren aber nicht nur die Brandenburger mit 62% Nein-Stimmen, sondern auch die Ost-Berliner mit fast 55% Ablehnungsquote.

Somit bleiben beide getrennt, bis auf weiteres jedenfalls, denn der politische Wille, man kann auch sagen die politische Vernunft, besteht weiterhin auf dem Ziel eines einheitlichen Bundeslandes zumindest langfristig.

Berlin-Brandenburg wäre das erste große Ost-West-Bundesland nach der Wiedervereinigung

Was für eine Chance! Wenn die beiden großen B´s zusammen finden würden, wären sie das erste Beispiel für eine gelungene Ost-Westintegration auf ganz großer politischer Ebene. Denn unsere föderale Ordnung macht eben doch noch feinsäuberliche Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern.

Der Ausgang des Volksentscheides zeigte damals , dass der Osten anders dachte, als der Westen. Die Ostberliner mindestens wollten nicht zu Brandenburg und umgekehrt wollten die Brandenburger nicht zu Berlin gehören.  Man hört und munkelt, dass das schon zu DDR-Zeiten so gewesen sei. Berliner und Brandenburger waren nicht gut aufeinander zu sprechen.

Warum? Schwer zu sagen – Tradition irgendwie, aber auch reale Benachteiligung im alten System. Den Berlinern soll es immer besser gegangen sein, als ihren Nachbarn aus der Fläche. Der wirtschaftliche Abstieg nach der Wende war eben auch in Brandenburg wesentlich deutlicher spürbar, als in Ost-Berlin.

Es gab also Gründe, dass der damalige Volksentscheid in die Hose ging und die Westberliner am Ende allein dastanden. Besonders in Potsdam befürchtete man Gewichtsverlust. Auch die Bevölkerung war der Meinung, dass man bei so einem Partner all zu leicht zum Hintersassen werde könnte. Eine Befürchtung, die sich bis heute gehalten hat.

Dies ist bedauerlich, weil das Beispiel der Integration der beiden Teile Berlins inzwischen auch wirtschaftliche Früchte getragen hat. Der Osten der Stadt profitiert von Aufschwang der Hauptstadt insgesamt. Warum sollte das nicht auch mit Berlin und Brandenburg funktionieren?

Die Menschen haben verschiedene Mentalität

Obwohl die Sprache dieselbe und die Dialekte ähnlich sind, gibt es in Berlin und Brandenburg sehr unterschiedliche Befindlichkeiten. Berlin ist generell jünger als Brandenburg, was vor allem durch die Zuwanderung bedingt ist, auch die aus den anderen deutschen Bundesländern. Der Ausländeranteil in der Berliner Bevölkerung, insbesondere in West-Berlin, aber inzwischen auch im Osten, ist um ein vielfaches höher, als in Brandenburg. Bevölkerungstechnisch gibt es hier wenig Austausch. Bereits nach ein paar Kilometern trifft man kaum noch die typische Berliner Mischung und die Berliner Schnauze wird deutlich gesitteter, als in der Hauptstadt. Die Menschen wirken allerdings auch freundlicher, oder sagen wir höflicher. Ein Urlaubsland entsteht, das Wert auf Touristen legt, eben auch auf solche, die nur Naherholung suchen.

Eine jährlich wiederholte Umfrage der R-V-Versicherungen zu den Ängsten der Deutschen offenbarte im letzten Jahr aber auch tiefergehende Unterschiede zwischen beiden Bevölkerungen.

Die Brandenburger sind ängstlicher, als die Berliner.

Dabei unterscheiden sich Berliner und Brandenburger gar nicht so sehr in den grundsätzlichen, gesellschaftlichen Ängsten vor Krieg und Terrorismus, vor wirtschaftlichem Abstieg und Arbeitslosigkeit. Es sind vor allem die privaten Ängste, vor denen sich jeder persönlich fürchtet, die bei den Brandenburgern deutlichere Auswirkungen haben, als in der Hauptstadt.

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Die Zahlen resultieren aus einer regelmäßigen Umfrage der R+V-Versicherungen, die jährlich an 2400 Befragten durchgeführt wird. Die Werte geben die prozentuale Zustimmung zu den abgefragten Ängten und Befürchtungen an.

Wie es bei Ängsten so ist, entsprechen sie nicht immer der Realität. Die Brandenburger haben beispielsweise wesentlich größere Ängste, im Alter ein Pflegefall zu werden, oder schwere Erkrankungen zu bekommen, als die Berliner. Vielleicht hat des etwas mit der Altersstruktur dieses Bundeslandes zu tun. Aber die Angst vor Straftaten, welche in Brandenburg wesentlich mehr verbreitet ist, entspricht nun wirklich nicht der Realität. In Berlin geht es da viel eher zur Sache.

Ähnlich verhält es sich mit Ängsten vor Drogensucht der Kinder, die in Brandenburg ausgeprägter sind, als in Berlin, obwohl dort die Rate der Abhängigen wesentlich höher ist. Man fürchtet sich eben vor dem, was noch nicht Realität ist. Beim Terrorismus ist das auch so. Die Brandenburger haben mehr Angst, als die Berliner, obwohl sie objektiv weniger gefährdet sind.

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Ob man daraus schon ein Psychogramm machen kann, ist natürlich zweifelhaft, ist auch nicht gewollt.

Aber die Überlegungen können vielleicht ein bisschen helfen, die Gegensätze zu überbrücken.

Ein bisschen Berliner Mut und Sorglosigkeit könnte nach Brandenburg überschwappen. Die gewissenhaften Brandenburger dagegen könnten gern in Berlin das Niveau ein bisschen steigern, was sie ja auch schon tun. Die Pendlerströme jeden Morgen beweisen das.

Am Ende könnte hier eben doch zusammenwachsen, was zusammen gehört.

Berlin-Brandenburg eben.