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Bild Gedächtnisbüro 2015

Sönke Paulsen, Berlin

Kaum ein Jahr, so scheint es, hat die Atmosphäre im Internet so verändert, wie das Letzte. 2014, das Jahr der Ukraine-Krise, wurde vor allem zu dem Jahr der Polarisierung zwischen Internet-Usern und kommerziellen Medien. Hunderte Male mussten Kommentarfunktionen unter Artikeln abgeschaltet werden, weil sich die „Leser“ hasserfüllte Schlachten lieferten, die weit entfernt von sachlichen Diskussionen lagen oder aber gegen die Autoren randalierten. Die so genannte Netiquette wurde in vielen Fällen Makulatur.

Sogar die Facebook-Seite der Kanzlerin musste für eine Zeit geschlossen werden, weil ein Spam-Angriff, der vermutlich aus der Ukraine geführt wurde, ihr in zigtausendfacher Wiederholung vorwarf, wie Ribbentrop unter Hitler zu handeln, ein anderes Land also bewusst zu opfern und zu zerstückeln. Grund für diesen Angriff waren Gerüchte, die teilweise über die Bild-Zeitung lanciert wurden, es gäbe eine geheime Absprache mit Putin zur Aufteilung der Ukraine.

Beim Verfall des moralischen Niveaus scheint es nur den Weg nach unten zu geben.

Die Tatsache, dass wiederholt Gerüchte zu massiven Shitstorms in den sozialen Medien, aber auch zu gezielten Hackerangriffen führen, erhärtete sich gerade im letzten Jahr, als politisch Front gegen Russland gemacht wurde, woran die meisten großen Medien beteiligt waren, und Moskaus Internet-Brigaden mit hochaktiven Internetaktivisten dagegen hielten. Das Internet war gewissermaßen vom politischen Kampf West gegen Ost großflächig infiziert.

Der Krieg in der Ukraine, dessen erschreckende Bilder vor allem über die sozialen Medien zu uns kamen, führte gleichzeitig zu einer nie dagewesenen Eskalation von Emotionen, die das moralische Niveau der Auseinandersetzung im Netz weiter absenkte. Ähnlich wie jetzt in der Ukraine zu beobachten, geht es ab einer bestimmten Fallhöhe der Moral nicht nur im Krieg, sondern auch im Internet eher weiter abwärts. Ein Aufwärtstrend hinsichtlich Respekt und Achtung vor dem politischen, sozialen oder persönlichen Gegner ist jedenfalls nicht zu beobachten. Dies gilt sowohl für den genannten europäischen Krisenherd, als auch für das Internet.

Andere Schauplätze solcher Internet-Kriege sind die Konflikte um Migration, Sozialstaat und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Art der Auseinandersetzung, scheint dabei immer enthemmter zu sein und die Vorsicht, mit der man sich äußern muss, um keinen Shitstorm oder gezielte Angriffe gegen die eigene Person zu riskieren, muss immer höher angesetzt werden.

Eklatante Beispiele werden immer öfter von Redaktionen öffentlich zur Sprache gebracht.

Dabei scheint vor allem die Situation von Online-Publizisten dadurch erschwert zu sein, dass der Autor eines Beitrages in der Regel namentlich genannt wird, während die Kommentatoren im Schutz der Anonymität verbleiben. Besonders unangenehm für Journalisten und Blogger, die unter ihrem eigenen Namen publizieren, ist die Erfahrung, dass die massivsten Angriffe und Beleidigungen gewissermaßen aus dem Off kommen und die Urheber nicht identifiziert werden können.

Warum gibt es so wenige Redaktionen, die Kommentare nur mit „Echtnamen“ veröffentlichen?

Eigentlich könnte man dem Problem der „enthemmten Kommentatoren“ verhältnismäßig leicht beikommen, wenn man Kommentare nur noch unter den jeweiligen echten Namen der Nutzer veröffentlicht. Fast alle Medien schrecken aber vor diesem Schritt zurück. Der Schutz des Nutzers dürfte dabei keine Rolle spielen, weil schließlich jeder selbst entscheidet, was er unter eigenem Namen an die Öffentlichkeit gibt. Niemand wird gezwungen ausfällig zu werden.

Allerdings scheint die Verwahrlosung in den Kommentarseiten  bei manchen Medien auch nicht ganz unerwünscht zu sein. Es fiel schon früher auf, dass Internet-Schlachten den betroffenen Medien eine erhebliche Öffentlichkeit brachten, die sich in einer Zunahme der Besucherzahlen zeigte. So war es, als Thilo Sarrazins Thesen gegen Migranten in der Bildzeitung und im Spiegel kontrovers und häufig unsachlich diskutiert wurden, so war es aber besonders im letzten Jahr während der Ukraine-Krise.

Fast bekommt man den Eindruck, dass „Trolle“ und „Hater“ von den etablierten Online-Medien geradezu eingeladen werden, die Diskussionen anzuheizen und auf ein Niveau herunter zu ziehen, das an den Circus Maximus in Rom erinnert. Am Ende scheinen die User-Zahlen dann zu stimmen und auch die Werbekunden sind zufrieden.

Die Auswüchse an Unsachlichkeit und Bösartigkeit auf den Kommentarseiten könnten somit als Kollateralschaden eines zunehmend kommerzialisierten Internets aufgefasst werden. Die Hyperkonkurrenz der Medien wäre als tiefere Ursache denkbar.

Natürlich gibt es „Trolle“ und „Hater“ auch völlig unabhängig von Bild, Spiegel und T-Online. Allerdings würden die normalerweise ihren Senf für sich behalten.

Irgendjemand muss sie also eingeladen haben.

Es könnte sein, dass die Medienkrise auf diese Weise den „downturn“ des menschlichen Niveaus im Internet noch in ganz andere Tiefen absinken lässt. Die Aussichten für eine Anhebung des allgemeinen Niveaus stehen also schlecht. Zumindest dann, wenn anonyme Dreckschleudern weiterhin anonym und damit unerkannt bleiben können.

PS. Das Handelsblatt berichtet aktuell über ein russiche Trollfabrik mit 400 Mitarbeitern, die auf Stimmungsmache gegen die Ukrainische Regierung und ihr legitimes Anliegen der territorialen Integrität des Landes spezialisiert sind. Professionelle Trolle bekämen demnach bis zu 840 Euro in dem Petersburger Unternehmen. Die Stimmung sei beklemmend und durch ständige Kontrollen und hohen Druck bestimmt. Natürlich kann auch so ein politisches Propaganda-Unternehmen die (kalkulierte) Aggressivität von Trollen und hatern erklären. Aber solange keine russischen Trollfabriken mit vierzigtausend Mitarbeitern entdeckt werden, glaubt lieber nicht daran, dass alle Trolle und hater aus Russland kommen.

Hier der Link:

http://www.handelsblatt.com/politik/international/online-troll-im-dienste-des-kreml-rund-400-mitarbeiter-hat-die-trollfabrik/11602386-2.html