Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Der Fall Relotius führt Journalismus als Betrug vor und zwar in dicken Lettern, als Überschrift gewissermaßen. Was dieser neue und untypische „Spiegel-Skandal“ aber nicht entlarvt, ist die „Tendenz-Schreiberei“ in unseren Leitmedien. Claas Relotius streift dieses Thema nur, indem er ungewollt vorführt, wie einfach Medienhäuser zufriedenzustellen sind, wenn man „das richtige Weltbild“ kolportiert.

Die Selbstaufarbeitung, die der Spiegel sich zur Aufgabe gemacht hat und damit die Chance ergriff, nicht von außen aufgearbeitet zu werden, wird einige wesentliche Ursachen des Betrugsskandals nicht berühren.

-       Erstens ist nicht zu erwarten, dass der Wahrheitsgehalt von behaupteten Fakten in den Artikeln des Magazins generell auf den Prüfstand gestellt wird.

-       Zum zweiten wird die Frage, nach welchen Kriterien Preisträger im Journalismus ausgewählt werden oder eine Karriere in großen Medienhäusern gewährt bekommen, wohl kaum mit dem Fall des „Schönschreibers“ Relotius verknüpft werden.

-       Drittens kann nicht damit gerechnet werden, dass der Spiegel das interne Spiel um den Karriereaufstieg von Journalisten und die Einflüsse von Chefredakteuren auf die Arbeit der Reporter im Konzern offen legen wird. Wer was, wie schreibt und dabei welche Fakten behauptet, hat mit Sicherheit nicht allein mit dem jeweiligen (evtl. fehlgeleiteten) Journalisten zu tun, sondern mit den internen Machtverhältnissen des Spiegels.

Der Spiegel war schon immer ein tendenziöses Magazin, das mehr Wert auf die politische Richtung, als auf Fakten gelegt hat. Das mag zu Zeiten Rudolf Augsteins noch ehrenwert gewesen sein, ist aber heute zu einem Lügen-Journalismus verkommen, der in der Regel die politisch gewollte und nicht die wahre Geschichte kolportiert.

Eine kleine Aufarbeitung der Spiegel-Fakes gibt es auf der selbstkritischen Medienseite Meedia. (Sehr empfehlenswert)

Das Magazin hat ein grundsätzliches Problem mit der Wahrheit und der Fall Relotius passt leider nur zu gut in dieses Bild.