Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Eigentlich schien es eine alte Taktik zu sein, mit der die italienische Nationalelf gestern gegen die Deutschen antrat. Die eigene Abwehr zu perfektionieren und möglichst unüberwindbar zu gestalten, war das Rezept der Italiener, die immer stärker wurden, je näher die Deutschen, die meist im Ballbesitz waren, dem italienischen Tor kamen.

Der stärkste Spieler war dabei der Torwart, so dass eine exponentielle Kurve des Widerstandes entstand, je näher die Angreifer in den italienischen Strafraum vorrückten. Bayern-München hat eine Weile so gespielt, bis irgendwann die Forderung erklang, dass auch die Bayern guten Fußball spielen sollten und nicht nur gewinnen.

Aber war das kein guter Fußball, den die Italiener gestern Abend gezeigt haben? Die Mannschaft war hochgefährlich für unsere Nationalelf und zwar über 120 Minuten. Rein defensive Aufstellungen dürften nicht annähernd so bedrohlich sein, wie die Italiener gestern Abend in Bordeaux, auf dem besten Rasen Frankreichs.

Die Konter der Italiener, die vor allem über die Außenflügel (Stichwort Pellè) liefen, haben unsere Mannschaft nicht selten überfordert. Das machte ein Gefühl, dass man sich noch gefährdet fühlte, wenn unsere Spieler vollkommen kontrolliert vor dem italienischen Strafraum die Lücke suchten, was meistens der Fall war.

Wehe nur, die Italiener kamen plötzlich in Ballbesitz und ließen den Angriff dann über ihren linken Außenflügel laufen! Die Szenen waren erschreckend, was dieses Spiel auch zum absoluten Nervenkitzel machte. Fast hatte man das Gefühl, dass unsere Jungs nur deshalb so perfekt abgestimmt das Mittelfeld dominierten, weil die Gefahr über 120 Minuten riesig war, von den defensiven Italienern ein Tor zu kassieren.

Die Tatsache, dass ihnen dies nur im Rahmen von Elfmetern gelang, ändert nichts an ihrer Gefährlichkeit, zeigt aber, dass sie von unseren Spielern mit äußerstem Respekt bewacht wurden. Ein Italiener im Ballbesitz, das war nicht selten eine Schrecksekunde.

Nun, wir hatten Glück und haben gewonnen. Aber was folgt daraus?

  1. Die Italiener bleiben echte Angstgegner für uns.
  2. Die Italiener spielen immer auf Sieg, ganz egal, ob das schöner Fußball ist, oder nicht.
  3. Die Italiener haben eine Taktik des exponentiellen Widerstandes in ihrem Strafraum gefunden, die sie fast unüberwindbar macht. Wenn elf perfekte Ballkünstler mit schnellsten Reflexen das italienische Tor sichern und je näher am Tor desto perfekter werden, gibt es kein Durchkommen. Zumal diese Spieler vor ihrem Tor alles mobilisieren, was sie zur Verfügung haben, die ganze italienische Erregbarkeit. Nach einem abgefangenen Angriff explodieren sie dann und die Konter lassen einem die Haare zu Berge stehen.
  4. Die Tatsache, dass unsere Elf gefühlt zu achtzig Prozent im Ballbesitz war, bedeutete nicht, dass sie die bessere Mannschaft war, es war Bestandteil der italienischen Taktik, sich nicht tot zu laufen.
  5. Am Ende haben unsere Jungs verdient gewonnen, aus unserer Sicht verdient, weil sie schönen Fußball gespielt haben. Die Italiener haben eine andere Mentalität. Sie zeigen uns und der Welt, dass ihre Trickkiste eine Büchse der Pandora ist. Man kann sie nur begrenzt und mit viel Glück am Sieg hindern. Das ist jetzt einmal gelungen. Der Fluch ist aber nicht gebrochen.