Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Brüssel

Stromae ist gerade erst berühmt geworden und schon ist er eine Legende. Der Hip-Hop-Musiker aus Belgien mit der Stimme die an Jaques Brel erinnert und belgisch-ruandischen Wurzeln hat 2009 noch in einem Fast-Food-Restaurant gearbeitet, um sich die Musikschule zu finanzieren. Inzwischen ist er auf dem Weg zum Weltstar.

„Alors on dance“ wirkte noch wie ein Zufallshit, der auch in Deutschland die Charts stürmte, einfach zusammengemixt, aber unverwechselbar. Was dann kam, war ein Wunder an Produktivität, das fast ein wenig beängstigt. Paul van Haver vereinigt in seiner Person dabei so unterschiedliche Elemente, wie das Spiel mit elektronischer Musik und die tiefe Nachdenklichkeit des Chansoniers, mit der er wirklich stark an Brel erinnert. Er ist zu keinem Zeitpunkt oberflächlich, obwohl er Spaß daran hat, so zu wirken. Seine Videos in denen er beschreibt, wie man mal eben im Vorbeigehen einen Hit komponiert (Lecons) pflegen diesen Mythos und alle Welt fragt sich verzückt, woher er das nimmt?

Sein Wille zur Kunst wirkt dabei alles andere als spontan, die Videos sind ausgefeilt, sein Maske perfekt, die Rollen, die er in seinen Songs spielt wirken bis ins Letzte durchdacht. So agiert ein professioneller Künstler zusammen mit einem ziemlich guten Team. Egal ob Interview oder Shooting, sein Outfit ist meist künstlerisch gestaltet, wirkt dennoch leger. Selten sieht man ihn in Alltagsklamotten. Eine Kunstfigur, auch optisch, möchte man meinen und irrt.

Stromae strahlt nämlich gleichzeitig das aus, was man unter Gemütsschwere oder Tiefgründigkeit subsumieren möchte. Er wirkt gequält von Gedanken, in der Seele zerrissen zwischen Europa und Afrika, androgyn zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, vaterlos und somit auch auf die Vergangenheit fixiert, während er musikalisch seiner Zeit voraus ist. So viele Gegensätze sind kaum zum Aushalten. Er scheint all das mit künstlerischem Ausdruckswillen, Perfektionismus und dem sagenhaften Erfolg, der ihm beschert ist, zusammen zu halten und niemand weiß, wie lange er das noch kann.

Er ist für eine Legende gut, aber ebenso für einen lebenslangen Künstler, der von Jahr zu Jahr immer besser werden kann. Was draus wird, weiß niemand. Er gibt den Leuten Mut, dass man alles schaffen kann und sogar mit Leichtigkeit, aber die Leichtigkeit ist bei ihm so eine Sache. In „Te Quiero“ und „Formidable“ beschreibt er die Zerstörung von Beziehungen und spricht wahrscheinlich Millionen Menschen aus der Seele, während er in dem Song „Tous le meme“   einen künstlerisch verfremdeten Ausdruck der eigenen Androgynität mit eingängiger Musik unters Volk bringt.

Wo also beginnt Stromae und wo hört er auf?

Die Antwort auf diese Frage kann man nur schuldig bleiben, aber sie ist für manchen der Grund, Stromaes künstlerisches Schaffen gespannt weiter zu verfolgen, auch wenn dieser Künstler schon halb unter seinem eigenen Erfolg begraben ist. Er hat das Zeug dennoch immer wieder neu zu überraschen.

Freuen wir uns drauf!