Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Der Giftgasangriff, der heute aus Syrien gemeldet wurde, betraf die Region Hama und dort den Ort Chan Scheichun. An die sechzig Menschen sollen dem Gift zum Opfer gefallen sein, darunter Frauen und Kinder.

Die USA machen Assad für den Angriff verantwortlich, dem dann auch noch ein Raketenangriff auf das Krankenhaus gefolgt sein soll, in dem Opfer vom morgendlichen Giftgasangriff behandelt wurden.

Die Berichte sind derzeit nicht überprüfbar und somit unbestätigt.

Auffällig ist jedoch, dass die russischen Medien hiervon nicht berichten. Stattdessen findet sich im deutschsprachigen Organ Sputnik ein kurzer Artikel mit dem Titel: „Tunnel in Hama bieten Terroristen keinen Schutz mehr“ In diesem Artikel wird dann aber nicht erklärt, warum die Tunnel keinen Schutz mehr für die Rebellen bieten.

Bekannt ist jedoch, dass die Rebellen gerade in der Provinz Idlib über ein weit verzweigtes Netz von Tunneln verfügen, welche ihnen Schutz, Nachschub und verdeckte Operationen ermöglichen. Militärisch betrachtet, macht dieses Tunnelsystems die Rebellen aus der Luft unsichtbar und schwer anzugreifen. Auch am Boden ist es äußerst schwierig und verlustreich, Gebiete mit Tunnelsystemen einzunehmen, da diese wie flexible und verdeckte Schützengräben fungieren.

Beide Gase, die für den heutigen Giftgasangriff in der öffentlichen Diskussion sind, Chlorgas und Sarin, sind schwerer als Luft und würden auch in ein Tunnelsystem eindringen und sich dort verbreiten. Allerdings braucht man dafür große Mengen dieser Gase, die dann wesentlich mehr Opfer in der Zivilbevölkerung fordern würden.

Die Frage ist, ob Assad noch über solche Mengen von Giftgas verfügt?

In jedem Fall wäre die psychologische Wirkung auch eines kleineren Angriffes mit Giftgas auf die Rebellen, aber auch auf die Zivilbevölkerung sehr ausgeprägt. Es wird von Panik berichtet. Schwer zu sagen, wie man sich als Kämpfer fühlt, der sich Tunnel bewegt, in denen er jederzeit mit Giftgas konfrontiert werden kann.

Möglicherweise ist der heutige Giftgasangriff, wenn er von Assad kommt, der Versuch, die Rebellen zu demoralisieren und aus ihren Tunneln herauszutreiben. In diesem Sinne wäre dann auch der Artikel von Sputnik zu verstehen, der sonst nicht verständlich ist, weil er letztlich die Behauptung in der Überschrift nicht erklärt. Er wirkt eher wie eine Warnung.

Die Vorwürfe gegen Assad und Russland könnten also Substanz haben.

Assad braucht militärische Erfolge und könnte, geduldet von Russland, zunehmend zu Terrorangriffen übergehen. Die Abläufe des Giftgasangriffes vor wenigen Tagen, sprechen dafür. Zunächst wird eine relativ geringe Menge Giftgas abgeworfen, dann eine zweite Welle und schließlich wird das Krankenhaus bombardiert, in dem die Opfer behandelt werden. Auch wenn die Opferzahlen bei unter einhundert Menschen liegen (58 letzter Stand), geht es um die Botschaft an die Rebellen.

Die Botschaft könnte lauten:

Wir können Euch jederzeit mit Giftgas angreifen, ohne das wir daran gehindert werden. Wenn ihr dann in Krankenhäusern Hilfe sucht, bombardieren wir auch diese.

Eine demokralisierende Taktik.

Psychologische Kriegsführung ist gerade auch in Russland en Vogue, so dass der Verdacht auf eine stille Kollaboration des Kremls bei einem Terrorkrieg gegen die Rebellen in Syrien besteht.