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Screenshot statistica.de

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Warum man aus Aleppo täglich Opferzahlen hörte und aktuell aus Mossul nicht

Die Opferzahlen im syrischen Bürgerkrieg sind zweierlei, hoch und umstritten. Es ist nicht der erste Krieg, bei dem um Opferzahlen gefeilscht wird. In Afghanistan gibt es ebenso Vorwürfe internationaler Hilfsorganisationen, die Kriegsbeteiligten würden Opferzahlen unrealistisch darstellen, wie es sie im Irak gegeben hat. Außerdem gilt dies auch für den Ukraine-Konflikt, in dem der Bundesnachrichtendienst im Jahr 2015 von viel zu niedrigen Opferzahlen ausgegangen ist und die offiziellen Zahlen (damals um 6000 Opfer) bezweifelte. Intern ging man vom Zehnfachen aus. Das würde bedeuten, dass bis heute 100 000 Menschen Opfer des Bürgerkrieges in der Ukraine geworden sind.

Auch beim amerikanischen Drohnenkrieg gegen Taliban und Terroristen in Pakistan gibt es regelmäßig hohe zivile Opferzahlen, die von Washington ungern zugegeben werden. Man geht von mehreren tausend zivilen Opfern allein durch amerikanische Drohnenangriffe aus.

Im Krieg werden zivile Opfer erzeugt und danach instrumentalisiert

Mit Opferzahlen wird Politik gemacht, was wir spätestens seit der Rückeroberung von Aleppo durch die syrisch-russisch-iranische Allianz wissen. Vor und während dieser Phase des Kampfes um Aleppo im Jahr 2016 schnellten die Schätzungen der Opferzahlen in die Höhe. Treiber waren internationale NGOs, die im Frühjahr 2016 quasi eine Verdoppelung der Opferzahlen im syrischen Bürgerkrieg gegenüber den bisherigen Zahlen medial durchsetzten. Seitdem spricht man von annähernd einer halben Million Toten, im Vergleich zum Monat vor den Veröffentlichungen über neue UN-Schätzungen, wo von einer viertel Million Toten die Rede war.

Hintergrund war sicher die Übernahme einer Führungsrolle im Bürgerkrieg durch die Russen und der Druck, der für die Aufnahme von Friedensverhandlungen aufgebaut werden sollte.

Umgekehrt gibt es jetzt während der Rückeroberung von Mossul durch die westliche Allianz, mit der der IS aus seiner letzten Hochburg im Irak vertrieben werden soll, keine veröffentlichten Gesamtzahlen von Opfern oder von zivilen Opfern.

Dennoch gibt es Dokumentationen über zivile Opfer im Irak-Krieg insgesamt, die auch die letzten Jahre einbeziehen, weil der Krieg im Grunde nie aufgehört hat. Nach den Amerikanern kam der IS!

Die Opferzahlen in Syrien und dem Irak sind vermutlich vergleichbar

Der Irakkrieg, soviel ist sicher, hat hunderttausenden Menschen das Leben gekostet. Rechnet man die zivilen Opferzahlen seit 2003 in der vorliegenden Statistik zusammen, kommt man auf deutlich über einhunderttausend dokumentierte Fälle. Wenn man beim Vergleich mit Syrien einbezieht, dass aus dem syrischen Bürgerkrieg nur Schätzungen bekannt sind und die Gesamtzahl der Toten insgesamt geschätzt wird und nicht nur die der Zivilsten, kommt man auf vergleichbare Zahlen.

In Syrien gab es nach Schätzungen pro Kriegsjahr im Durchschnitt 30000 Tote insgesamt. Im Irakkrieg sind es durchschnittlich zehn bis zwölftausend Zivilisten pro Jahr zwischen 2003 und 2016 gewesen. Nimmt man die getöteten Kämpfer und Soldaten dazu und schlägt eine Dunkelziffer von 20-30% auf, was durchaus realistisch ist, kommt man auch im Irakkrieg auf durchschnittliche Opferzahlen von zwanzig- bis dreißigtausend Toten pro Jahr. Obwohl der Irakkrieg ja offiziell längst beendet sein sollte, gelten die Opferzahlen bis in das Jahr 2016.

Der mediale Vergleich, wieviel Opfer der ungerechtfertigte Angriffskrieg gegen den Irak im Jahr 2003 durch die so genannte „Koalition der Willigen“ im Vergleich zum syrischen Bürgerkrieg gekostet hat, steht jedoch aus.

Er wäre auch unsinnig, weil beide Kriege durch westliche Allianzen angezettelt wurden. Allerdings werden die Opferzahlen seit Eintritt Russlands in den syrischen Bürgerkrieg, in den westlichen Medien massiv instrumentalisiert!

Das geht so weit, dass Putin in amerikanischen Sendern als Mörder bezeichnet wird und während der Eroberung Ost-Aleppos ein humanitärer Aufschrei nach dem anderen durch die Medien ging, während jetzt, während der Eroberung der Millionenstadt Mossul im Irak, durch die westliche Anti-IS-Allianz, fast eine komplette mediale Funkstille bezüglich der zivilen Opfer herrscht.

Medien spielen zynisches Spiel mit den Opfern perfekt mit

Unsere Medien werden hier offensichtlich ihrer Verantwortung nicht gerecht, über alle Opfer von Kriegen in der Region angemessen zu berichten und nicht nur über die Opfer, die ein herbeiphantasierter Feind im Osten, gemeint ist Russland, in Syrien verursacht hat.

Die Briten haben es hier besonders schlimm getrieben. Denn Großbritannien gehörte zur Koalition der Willigen, die 2003 den Irak überfielen und war auch in Afghanistan als erstes mit dabei. Jetzt demonstriert das britische Verteidigungsministerium mit Unterstützung der Premierministerin May  ein „pseudohumanitäres“ Entsetzen, in dem Russland quasi als Land der Kriegsverbrecher geächtet werden soll, weil es Assad in Syrien unterstützt hat.

Der Flugzeugträger der Russen wurde dabei während seiner Fahr durch den Ärmelkanal zweimal demonstrativ abgefangen. Medial wurde dies kommentiert, indem dies Schiff als „Schande“ bezeichnet wurde, weil von dort Luftangriffe auf syrische Rebellen und Terroristen geflogen wurden.

Der Doppelmoral dieser britischen Mörderarmee scheinen überhaupt keine Grenzen gesetzt zu sein. Die Briten haben genauso viele Tote im Irak und auch in Syrien auf dem Gewissen und waren an der Anstiftung des Krieges in Syrien ebenso beteiligt, wie am Überfall auf den Irak im Jahr 2003.

Durch das Internet ist das kollektive Gedächtnis effektiver geworden- Manipulationen werden schneller entlarvt

Das Problem ist, dass die Menschen das merken, weil die Informationen im Zeitalter des Internets nicht einfach verschwinden und gleichwertig neben neueren Informationen bestehen bleiben. Die Leute wissen also, was für Kriegsverbrecher da mit dem Finger auf Russland zeigen. Das ist der Unterschied zum Zeitalter der Massenmedien, in dem das kollektive Gedächtnis äußerst vergesslich war und von den Medien gut manipuliert werden konnte.