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Grafik Gedächtnisbüro 2015

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Eigentlich ist es klar. Die Tattoo-Welle der letzten Jahre ist kein gutes Zeichen! Bereits zu Beginn der achtziger Jahre, als sich der Modetrend zuerst zögerlich entwickelte gab es soziologische und psychologische Interpretationen der Hautbildchen, die zuvor vor allem Drogenabhängigen, Seeleuten und Verbrechern mit erheblicher Knasterfahrung vorbehalten waren. Inzwischen sind Tattoos so weit verbreitet, dass es bereits Ratgeber gibt, welche Art von Bildern und Symbolen man sich lieber nicht stechen lassen sollte, um nicht mit einem Knastbruder verwechselt zu werden. Auch gesundheitliche Ratgeber zur Tattoo-Kunst gibt es bereits. Immerhin führt ein Drittel dieser Prozeduren zu Komplikationen, insbesondere zu Allergien und Entzündungen der Haut.

Aber welche Komplikationen bringen Tattoos in psychischer Hinsicht mit sich? Oder ist das Tattoo selbst schon eine Komplikation?

In den Achtzigern war man sich da sicher und zwar auf breiter Front. Eine ganze Reihe von Veröffentlichungen konstatierte vor allem eine Identitätsproblematik vor allem junger Menschen, die zu solchen Maßnahmen griffen. Parallelen zu Selbstverletzungen wurden gezogen und ein unsicheres, narzisstisches Selbst galt als tiefere Ursache, der Neigung, sich durch unlöschbare Bilder und Symbole einzigartig zu machen.

Auch heute ist es noch so, dass vielen Nichtträgern von Tattoos der Trend suspekt ist und man sich fragt, ob hier Toleranz angebracht ist oder lieber Diagnostik? Tattoos sind eine Anomalie im Umgang mit dem eigenen Körper, die so offensichtlich ist, dass man schreien möchte, wenn einem die verzückten Erklärungen der an „Tattoo“ Erkrankten zu Ohren kommen. „Ich wollte das Tattoo einfach unbedingt haben!“ Punkt.

Kaum einer sagt, dass er sich gerne tätowieren lassen möchte oder es toll findet unter schmerzhaften Nadelstichen zu stöhnen, während seine Haut mit potentiell giftiger Farbe traktiert wird, aber die meisten sagen, dass sie unbedingt „dieses eine Tattoo“ haben wollten. Das hört sich so an, wie eine Shopping-Tour. Ist es wohl auch, nur der etwas anderen Art.

Was früher auf schwere Störungsgrade begrenzt war, wenn Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten, unter unerträglichen Bedingungen ihre Identität behaupteten, wie Seeleute und Gefängnisinsassen oder Drogenabhängige wenigstens ihren Wert und die Gruppengehörigkeit als schwache Erinnerung an ein funktionsfähiges Ich in die eigene, leere Hülle tätowieren ließen, während alles andere zur Hölle ging, Menschen in Grenzsituationen also, die nichts mehr boten, als ein hübsches oder schlimmes Bildchen auf dem eigenen kaputten Ich (Haut).

Heute wirkt das Tattoo fast schon wie ein Konsumartikel. Sind ihre Träger deshalb weniger pathologisch?

Wohl kaum!

Denn das psychische Korrelat einer solchen Lust auf schmerzhafte Konsumbildchen ist innere Leere. Sonst nichts. So wie viele Konsumartikel, die vor allem noch Design, aber nicht mehr Sinn bieten, sind Tattooträger zu Produkten geworden, die sich wenigstens an der Oberfläche noch selbst gefallen wollen, wenn sie schon darunter nichts greifbares mehr finden. Leere, Gefühlsarmut, Sucht, das Elend des modernen Selbst.

Erstaunlich, wie sich die Psychologie nun, wo Tattoos ein Massenphänomen geworden sind, plötzlich um diese Erkenntnis herumdrücken will, die sie vor dreißig Jahren noch als offensichtlich verstanden hat. Stattdessen wird über ein magisches Körperselbst, archaische Riten, Initiation, tiefe Symbolik und neue Spiritualität philosophiert.

Alles Quatsch!

Tattoos sind, was sie vorher auch schon waren. Für die Gesellschaft kulturell nicht begründet, religiös nicht begründet, spirituell nicht begründet, sondern Zeichen von kriminellen Organisationen, Straftätern, Haltlosen, Süchtigen und Dealern. Kein Modetrend, sondern ein Alarmsignal, wenn diese Art der Selbstverstümmelung in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist.

Wen diese Zeugnisse kaputter Haut und gestörter Identität nicht abstoßen, der hat irgendwie zu viel Toleranz gelernt. Die Gesellschaft scheint unehrlich geworden zu sein. Sie lässt offensichtlich Süchtige, Haltlose und Leere sogar mit Bravour passieren und wehrt sich nicht dagegen. Ganz im Gegenteil. Es ist schick geworden, mit einer viel zu großen Kiste durch die Stadt zu fahren, sich hinter dunkel getönten Scheiben zu verstecken und nur dann und wann seinen tätowierten Arm aus dem Fenster hängen zu lassen.

Endzeitstimmung?

Für viele ganz offensichtlich. Leute, die sich immer weiter tätowieren lassen müssen, damit nicht aufhören können, haben sich gewissermaßen selbst überlebt. Entwicklung findet dann nur noch auf der Haut statt und nicht mehr darunter.

Schade, dass die Psychologie sich von dem Massenphänomen einschüchtern lässt und Zuflucht in Verdrängung, Beschönigung und Verharmlosung nimmt, um sich nicht unbeliebt zu machen.

Die Aussage, die an die Öffentlichkeit muss, ist aber vor allem die eine:

Tattoo ist krank. Piercing und die übrige „Körperkunst“ ist noch kränker. Es gibt eben nur nicht so viel Therapie, um das alles noch behandeln zu können!