EU Flagge durchgestrichen

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Es ist ein großes Fest für die Brexit-Befürworter. Seit heute ist Großbritannien endlich frei! Gestern Abend haben viele vor dem britischen Parlament die Geburt eines neuen und starken Königreiches gefeiert. Die gute Laune war richtig ansteckend.

Tatsächlich sind die Aussichten der Briten gar nicht so schlecht. Als Alleinstellungsmerkmal in Europa könnte der Finanzplatz London ohne seine EU-Unwägbarkeiten zu einer zweiten Wallstreet werden. Auch kann Großbritannien bald Unternehmen mit Traumsteuern aus aller Welt anlocken und muss sich nicht mehr um den müden Kontinent schären, wenn es um neue Handelsverträge, Außenpolitik und die geplante Reindustrialisierung der Inseln geht. Großbritannien ist jetzt nur noch Großbritannien.

Was für eine Erleichterung! Wer möchte das nicht, nur noch er selbst sein!

Allerdings sind da noch ein paar Kleinigkeiten mit der EU zu regeln, die bis zum Ende das Jahres in Sack und Tüten sein sollten. Eigentlich die gesamte zukünftige wirtschaftliche Kooperation, die Grenzfrage und nicht nur die, zwischen Nordirland und Dublin. Die Frage, was EU-Bürger künftig in Großbritannien und was Briten künftig in den EU-Staaten tun und lassen dürfen. Eigentlich fast alles!

Selten hat man von einer Scheidung ohne „Zugewinnausgleich“ gehört. Die Briten tun im Augenblick so, als ginge das. Sie haben, ganz ohne Vertrag, die Scheidung einfach vorgezogen und wollen den Rest hinterher regeln. Das mag ja gehen, wenn man die Ex-Braut einfach zu Hölle schicken kann, aber gerade das können die Briten eben mit der EU nicht machen. Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind zu groß.

Ein paar Brexiter haben sich gestern auf der EU-Flagge die Füße abgetreten. Wer am Ende als Fußabtreter liegen bleibt, ist aber noch nicht ausgemacht. Der Kampf geht einfach nur in die nächste Runde und Brüssel kann nun völlig ungehemmt verhandeln, weil die Hauptthemen ohnehin eigentlich britische Probleme sind, die nun weit weg von Brüssel stattfinden. Beispielsweise der neue Bürgerkrieg, der bei einer harten irischen Grenze droht, die schwer verärgerten Schotten, die mit Abspaltung drohen und die vielen östlichen EU-Bürger, die den britischen Arbeitsmarkt gestützt und belebt haben. Alles exklusive Probleme der Insel und nicht des Kontinents.

Trotzdem kann man nicht umhin, viel Sympathie für die trotzigen Briten zu empfinden, die ihre Freiheit wollen. Die ganze Chose könnte zu einem neuen Spirit bei den Engländern führen, die schon immer in Krisensituationen über sich selbst hinausgewachsen sind. Das ist das Beneidenswerte, was Respekt verdient hat.

Ansonsten aber geht es in der nächsten Woche weiter mit dem harten Verhandlungsalltag, der sowieso in der gesamten EU herrscht. Der Ärmelkanal , so hört man, ist in der Nacht zum 01.02.2020 um keinen Zentimeter breiter geworden.

Also Tschüss Ihr Briten, feiert schön! Bis nächste Woche dann.