Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wer war Seifeddine Rezgui Yacoubi?

Der Attentäter von Sousse bleibt sogar seiner eigenen Familie ein Rätsel, denn er war alles, aber kein Salafist, obwohl er in der Hochburg der Salafisten, Kairouan, etwa 50 Kilometer von Sousse entfernt studierte. Er lebte tatsächlich mit einer Gruppe von Salafisten zusammen und wurde häufig mit ihnen gesehen. Er ging in die Moschee, betete, aber das war auch schon alles. Keine merkwürdigen Veränderungen, keine strengen Rituale, ein Breakdancer mit Talent und Student der Luftfahrttechnik.

Dennoch gehörte er einer tunesischen Terrorgruppe an, die sich als Unterstützergruppe des Islamischen Staates begreift und reiste offensichtlich unbemerkt vor drei Monaten  in ein Trainingslager in Libyen.

Kein Zweifel, dass der dreiundzwanzigjährige Tunesier ein Terrorist war, auch einer, der sich von radikalen Islamisten trainieren und radikalisieren ließ. Er war aber auch jemand, der intelligent genug war, um zu verstehen, dass er einen schweren Fehler beging. Weder offenbarte er sich seiner Familie, noch zeigte diese irgendeinen Hinweis darauf, dass  Yacoubi in irgendeiner Form zu religiös, zu radikal oder zu gewalttätig erzogen wurde. Er war viel mehr der Star der Familie, die in Armut lebte, derjenige, der es bis an die Universität geschafft hatte.

Die Körpersprache des jungen Tunesiers nach dem Attentat verriet auch weder Triumpf noch Vorfreude auf das Paradies Allahs, sie zeigte schwere Gedrücktheit. Der Attentäter flüchtete nicht, sondern ging langsam vom Tatort weg, so als wartete er darauf, von hinten erschossen zu werden. Die Polizisten, die ihn töteten, berichteten, dass er gerade begonnen habe zu beten. Yacoubi wartete auf seinen Tod. Nicht wie einer, der den Sieg Allahs davongetragen hat, sondern wie jemand, der etwas getan, wofür nur der Tod als Sühne möglich erscheint. Die hängenden Arme, der gesenkte Kopf und der gebeugte Gang signalisierten Schuld und nicht Fanatismus.

Seiner Terrororganisation hat er mit diesem Auftritt einen schlechten Dienst erwiesen. Kaum einer in Tunesien kann glauben, dass dieser junge Mann ein radikaler Islamist war. Die meisten gehen von einer Gehirnwäsche aus. Eine Gehirnwäsche, die erst nach der Tat ihre Wirkung verlor, als es zu spät war. Yacoubi starb als Sünder und nicht als Held.

Der Stolz der Führer des Islamischen Staates auf diesen erneuten Terrorakt erscheint dadurch in einem anderen Licht.  Der Terror des islamischen Staates wirkt zunehmend nicht mehr religiös motiviert, sondern erzwungen. Erst vor kurzem hat sich ein Attentäter unweit von Sousse selbst in die Luft gesprengt, ohne jemand mit in den Tod nehmen zu können. Sollte diese Schmach mit dem neuerlichen Anschlag gesühnt werden? Eine schlechte Sühne, denn auch dieser Anschlag überzeugt nicht, als Beitrag zum heiligen Krieg, zum Dschihad, wie ihn die Islamisten verstehen. Er überzeugt nur noch davon, dass der Terror und nicht mehr der Glaube zum obersten Prinzip dieser Islamisten geworden ist.

Wie sonst kann es sein, dass Selbstmordanschläge zur selbstverständlichen Kriegstechnik auch bei militärischen Auseinandersetzungen des IS geworden sind. Kämpfer des IS werden mit Lastwagen voller Sprengstoff in die gegnerischen Reihen geschickt, um sich dort zu töten. Das hat mit Freiwilligkeit sicher nichts mehr zu tun. Die Armee des islamischen Kalifats schickt einfach ihre Soldaten in den Tod, um sich militärische oder propagandistische Vorteile zu verschaffen. Eine sehr weltliche Methode, die auch von Diktatoren wie Hitler und Stalin genutzt wurde.

Es tut mir leid, aber ich kann in diesem Terroristen weder den fanatischen Gläubigen noch den glühenden Hasser von Ungläubigen entdecken. Er hat seine Opfer vor der Exekution aussortiert und vor allem Briten und Franzosen ausgesucht, andere hat er weggeschickt. Er wollte keine Tunesier töten und deshalb hat er es zugelassen, dass sehr mutige Hotelangestellte eine menschliche Barrikade vor seinen Opfern errichtet haben. Ganz offensichtlich hat er nicht willkürlich hineingeschossen. Welche Ressentiments oder welche Verzweiflung ihn letztlich zu dieser Tat getrieben haben, bleibt offen. Aber ein Sieg für den Islamischen Staat oder die Dschihadisten ist das nicht.

Es ist eher der Anfang vom Ende des Dschihads.

Denn eine Bewegung, die sich am Ende nur noch durch ihr Instrument, den Terror, definieren lässt wird irgendwann zu einer verkommenen und stinkenden Brühe, die im Wüstensand versickert.