Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Es ist deprimierend. Wir sind mit einer Generation von Automobilen unterwegs, die in Punkto Sicherheit absolute Spitzenleistungen aufweisen. Stabile Vorderwagen mit Knautschzone, Seitenaufprallschutz, sechs bis acht Airbags serienmäßig, ESP und ASC und trotzdem fahren sich die Leute tot.

Wie genau die das machen, kann eigentlich jeder im Straßenverkehr beobachten. Es ist ein offenes Geheimnis: Selbstüberschätzung, wobei mit “selbst” auch das Auto gemeint ist.

Klassiker sind Überholsituationen, gerne auch vor Kurven. Ich hatte gerade gestern die Ehre, voll auf die Bremse zu treten, um einem überholenden Focus das schnelle Einscheren vor dem Gegenverkehr zu ermöglichen. Sonst hätte es geknallt. Der Fahrer machte dann unbeirrt weiter mit seiner Kamikaze-Fahrt und fuhr gleich wieder in den Gegenverkehr, um einen Transit zu überholen. Der bremste dann ebenfalls scharf.

Man wird bleich, wenn man so etwas erlebt und schaut sich fassungslos an.

Auf der Stadtautobahn in Berlin dann immer wieder diese Leute, die Autobahnraser spielen, über drei Spuren, rechts, links, überholen und dabei eine wilde Schlangenlinie und verwirrte Verkehrsteilnehmer produzieren. Irgendwann kracht es.

Der Punkt ist nur der, dass man im Unterschied zu einem Videospiel, nicht auf Neustart drücken kann. Die Leute sind dann wirklich tot!

Wer mal ein Autowrack eines namenhaften Markenhersteller gesehen hat, dass in einen Frontalcrash verwickelt war, weiß, dass diese Autos genauso zusammenklappen, wie ein Pappkarton, wenn man nur die richtige Aufprallgeschwindigkeit und den entsprechenden Aufprallwinkel hat. Dann ist Schluss für immer!

Es hat den Eindruck, als seien immer mehr Leute auf der Suche nach dem optimalen Crash. Dabei ist unklar, ob mit optimal der Crash gemeint ist, den man noch unverletzt überleben kann oder der, der zum vollendeten Suizid passt. Das Souveränitätsgefühl steht dabei in keinem Verhältnis zu den Realitäten.

Ein gutes Auto hat seine Knautschzone bereits bei einem Frontalaufprall von 60 km/h verbraucht. Jede Aufprallgeschwindigkeit die darüber liegt, geht auf Kosten der Fahrgastzelle. Dazu kommt die massive negative Energie, die auf den Körper wirkt. Einen frontalen Crash mit 100 km/h überlebt auch kein Dummy mehr. Muss man das ausprobieren, um es zu wissen?

Wer es wissen will, kann sich auch durch einen Sprung aus 10 Metern Höhe auf 50 Km/h beschleunigen und schauen, ob er am Boden noch lebt. Das ist nämlich die Geschwindigkeit, die bei einem frontalen Aufprall noch auf den Körper wirkt, wenn die passiven Sicherheitssysteme bei 100 km/h ihren Dienst getan haben.

Du bist garantiert tot!

Wer denkt, dass unsere modernen Autos dem Tod ein Schnippchen geschlagen haben, ist ein Idiot!