Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Eine Glosse.

Stellen wir uns einmal vor, dass eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Germanisten, Politologen, Erziehungswissenschaftlern und Bodybuildern die Aufgabe bekommt, innerhalb von zwölf Monaten ein Raumschiff zu konstruieren.

Stellen wir uns weiterhin vor, dass dieses Raumschiff tatsächlich abheben und in den Weltraum fliegen soll.

Als Astronauten bereiten sich bereits Mitglieder eines bekannten berliner Yoga-Vereins vor. Sie traineren eifrig unter mentalen Simulationsbedingungen.

Nach zwölf Monaten steht das Ergebnis da.

Natürlich ist dieses Objekt nicht flugfähig und eine komplette Fehlkonstruktion.

Nun stellen wir uns vor, dass dies in der Öffentlichkeit auf keinen Fall zugegeben werden soll und dass bis zum angekündigten Start des Raumschiffs im Oktober 2020 eine Armee von Ingenieuren, Managern, Spezialisten und Pressesprechern, einschließlich eines rasch eingesetzten Untersuchungsausschusses von Politikern aller Parteien,  daran arbeiten, dieses seltsame Gebilde zu einem echten Raumschiff umzubauen.

Der Termin kann natürlich nicht gehalten werden. Die Kosten steigen ins Unermessliche, die Bevölkerung ist empört. Aber dennoch wird weiter an diesem Projekt gearbeitet.

Zunehmend dringen Stimmen an die Öffentlichkeit, die behaupten, dass es völlig unmöglich sei, diesen Schwachsinn, der bestenfalls so aussieht, wie ein Raumschiff, zum Fliegen zu bringen, geschweige denn sicher durch den Weltraum zu manövrieren. Ein Ding der Unmöglichkeit!

Am besten, sagen einige, man stampfe das ganze Projekt ein oder erkläre es zur Kunst und lasse es einfach dort stehen. Stattdessen beauftrage man eine neue Arbeitsgruppe, bestehend aus Raumfahrtspezialisten der ESA, dieses Raumschiff zu bauen, ohne sich mit der skurrilen Fehlkonstruktion weiter zu belasten. Man könne ja ein Museum draus machen.

Allerdings steht gerade eine wichtige Wahl an und die verantwortlichen Parteien möchten ihren Planungsfehler nicht zugeben, auch wenn der TÜV von etwa einer halben Million Bau- und Konstruktionsfehlern bei diesem Raumschiff in Spe ausgeht. Man fürchtet, die Wahl zu verlieren.

Also verschlingt die unmögliche Rettung weiter Milliarden an Steuergeldern und die Behauptung, dass noch alles gut werden kann, zerstört den Glauben der Bürger an die Weisheit der Politiker. Manche reden auch von Korruption.

Allgemein wird aber weiter an der Fehlkonstruktion festgehalten. Keine Institution, keine Partei und keine nennenswerte Zahl von Bürgern kann sich vorstellen, dass ein solch immenser Schwachsinn tatsächlich und wirklich stattgefunden hat. Die riesigen Verluste an Steuergeldern, können doch nicht einfach weg sein, ausgezahlt an Leute, die überhaupt keine Ahnung haben und ein Raumschiff mit Plastikdübeln versehen haben.

Ausländische Medien sprechen schon von dem deutschen Trauma und Psychologen analysieren die „Verlust-Aversion“ einen psychologischen Mechanismus, der es unmöglich macht, aus dem gescheiterten Projekt auszusteigen.

Die Welt lacht über uns, aber wir können nicht anders, müssen weiter machen. Wir müssen beweisen, dass die Komplexität der Aufgabe schuld am allgemeinen Versagen ist und nicht die vollkommene Idiotie bei der behördlichen Planung des Raumschiffes.

Das Raumschiff  muss zum Fliegen gebracht werden, koste es was es wolle!

Wer dieses kleine Gedankenspiel für eine Glosse über den Großflughafen BER, der seit 10 Jahren nicht eröffnet werden kann, hält, könnte vielleicht nicht so falsch liegen. Wir wissen nicht genau, wann die Folgekosten eines uneingestandenen Versagens die zehn Milliarden überschreiten. Aber nach allen vorliegenden Informationen könnte das schon geschehen sein. Wie lange dort noch Milliarden hineingepumpt werden, bis der Fehler endlich eingestanden wird, ist unklar.

Die Verlust-Aversion verhindert bekanntlich, dass Verluste realisiert und das Projekt abgeschrieben wird. So sind schon Großbanken in den Untergang gegangen.

Es handelt sich hier um die Frage, ob eine Revolte des gesunden Menschenverstandes stattfindet oder nicht.

Derzeit sieht es nicht danach aus. Die Steuereinnahmen sind einfach zu hoch, als das eine Landespleite wegen dieses „schwarzen Loches“ menschlichen Versagens zu befürchten wäre. Aber das kann ja noch kommen, wenn die Zeiten wieder schlechter werden.

Bis dahin aber wird es heißen: „Das Raumschiff wird am 20.10.2020 (danach 2021, danach 2022, danach 2023 und so weiter) in Betrieb gehen.“

Man muss einfach nur weiter Behauptungen aufstellen und nicht klein beigeben. Ein Betrug vielleicht, aber psychologisch gut eingefädelt. Da kommen wir nicht mehr raus!