Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

In einer FAZ-Umfrage halten 68% der Leser den Höhenflug der Grünen für beendet. Man darf Zweifel haben, aber anders, als gedacht.

These und Antithese haben bisher noch immer auf die Dauer zu einer Synthese geführt. Das ist Dialektik, von der wir nicht frei sein können, weil wir Kompromisse bilden müssen.

Als Zukunftsforscher lernt man als erstes, dass jeder Trend seinen Gegentrend bekommt. Nun ist er da. Die AfD und viele andere rechtskonservative Parteien in Europa halten den Klimawandel eben nur zum geringen Teil für menschengemacht. Was lernen wir daraus?

Eine Meinung zieht nun mal eine Gegenmeinung an und alternativlos ist überhaupt nichts.

Dennoch hat die Polarisierung unseres politischen Diskurses, insbesondere in den Bereichen Umwelt und Liberalismus zwei Parteien gewaltig nach oben gespült, die nun hier für die Extrempositionen stehen.

Die Grünen und die AfD.

Wenn die Grünen eine radikale Klimapolitik anmahnen, bremst die AfD mit der Feststellung, dass unser Beitrag zum Klima bei unter 0,1% liegt. Das ist national gedacht. Die Grünen dagegen denken nicht mehr national (noch ein fundamentaler Unterschied). Sie denken global und sind nebenbei wesentlich reisefreudiger, als die AfD-Politiker, die sich lieber um die Heimat kümmern, vorzugsweise um die ländliche Heimat, wo sie auch Umweltpolitik betreiben.

Man erkennt langsam, dass die Gegensätze gar nicht so extrem sind, wie gedacht. Denn die Grünen kommen aus regionalen Bürgerinitiativen, die sich um was gekümmert haben? Den ländlichen Umweltschutz vor Ort. Das ist das Fundament der Partei, kommunaler Umweltschutz.

Die AfD sorgt sich um die kulturelle und soziale Intaktheit von ländlichen Regionen, insbesondere im Osten und bekommt dafür viel Zuspruch. Sie hätten die Linke als Kümmerer-Partei abgelöst, hieß es jetzt im Wahlkampf. Wohl wahr, wenn man die Wahlergebnisse anschaut.

Nur was machen Grüne und AfD, wenn sie in den Metropolen leben, wo die große Politik gemacht wird? Ganz richtig, sie quatschen, organisieren Demos und Gegendemos und bekämpfen einander.

Darunter entwickeln sich aber Anhängerschaften unterschiedlicher sozialer Provenienz, die ähnliche Ziele verfolgen. Die ökologische und kulturelle Intaktheit ländlicher Räume gehört dazu. Hier geben sich AfD und Grüne nicht viel.

Die multikulturelle Gesellschaft wollen vor allem die entfremdeten Grünen, die in den Großstädten leben und dort vor sich hin spinnen. Wenn die gegen die AfD Anhänger aus der Provinz antreten, dann knallt es natürlich gewaltig.

Aber, wie sieht es mit Großstadt-Multikultis und den Anhängern der Grünen in der Provinz aus? Hat schon mal einer etwas von dem Grünen OB, Boris Palmer, gehört, der eine kleine, feine Stadt in BW regiert. Knallt es da mit den Bundesgrünen, oder nicht?

Ein ökologisches Bewusstsein scheint also keinesfalls automatisch dazu zu führen, dass man Globalisierungsanhänger wird oder den Nationalstaat abschaffen will oder ein Multikulti-Ideal vertritt.

Da ist doch viel Luft für Annäherung zwischen AfD und Grünen – finden Sie nicht?