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Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Deutschland am dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung. Ziemlich nervöses Land. Was macht uns eigentlich so nervös in Deutschland?

Sind es tatsächlich nur die unterschiedlichen Auffassungen, in welche Richtung wir zukünftig steuern sollen? Oder haben wir neben dem Richtungsstreit zwischen ökologischem Umbau, Weltoffenheit und Multikulturalismus und Traditionalismus ein grundsätzlicheres Problem?

Im Internet schreien sich die Leute längst an und lassen zunehmend die Hemmungen fahren. Das liegt aber sehr wahrscheinlich an der Anonymität in den sozialen Netzwerken, die immer noch geduldet wird, obwohl in der realen Welt niemand mit heruntergelassenem Visier andere beleidigen und bedrohen kann, ohne dass gleich die Polizei vorbeikommt.

Sicher eine Fehlentwicklung im Netz, die wir schleunigst korrigieren sollten, auch wenn andere Länder da noch nicht mitziehen. Kriminelle und Hater sollten sich dann doch lieber ins Darknet verziehen, damit man wenigstens auf Facebook noch eine gewisse Zivilisation halten kann.

Aber auch sonst geht so ziemlich alles bei uns in Richtung Entsublimierung, was auf Deutsch bedeutet: „Die Moral ist scheißegal!“

Diese Entwicklung wurde allerdings schon lange vorausgesagt, der Begriff der repressiven Entsublimierung stammt von Marcuse und ist aus den Siebzigern. Bestandteil einer Kritik der Konsumgesellschaft mit starkem Wettbewerb aller gegen alle. Eine gesellschaftliche Konstellation im Kapitalismus, welche die Menschen dazu erzieht, immer dann besonders vorteilhaft und freundlich zu reagieren, wenn es ums Geschäft geht und dann gnadenlos feindlich zu werden, wenn kein Gewinn winkt.

Sehr schön ist das, wie gesagt, in den sozialen Netzwerken zu beobachten, in denen die Meisten keine Kohle bekommen und dafür grenzenlos ablästern, haten und die Atmosphäre vergiften. Also das zeigen, was eigentlich in ihnen steckt, wenn man das allgemeine Spiel der Selbstdarstellung und Selbstoptimierung mal gerade nicht spielt.

Übrigens auch sehr gut bei Journalisten zu beobachten, die in ihren Artikeln immer dann recht mies Stimmungsmache betreiben, wenn der Leser kostenlosen Zugang zu ihnen hat, also keine Bezahlschranke ein Mindestmaß an Qualität erzwingt. Das gilt auch für die Mainstreammedien von Spiegel bis Springer.

Was Menschen aus anderen kulturellen Zusammenhängen, sagen wir Russland oder die Türkei, dabei auffällt und immer wieder von ihnen geäußert wird, ist unsere Doppelmoral oder auch unser geringer moralischer Tiefgang. Kein Zweifel, das ist so! Unsere Kinder üben geraden in Videospielen, über Leichen zu gehen und in Quizshows und Ekelshows a la Dschungelcamp sowie im Reality-TV wird uns das ebenfalls vorgeführt. Über Leichen gehen, ist ganz normal, wobei der ganze Exzess inzwischen zunehmend wörtlich zu nehmen ist. Es sterben ja auch Leute ganz wirklich dabei, bringen sich um oder verunglücken.

Über Leichen gehen, bekommt eine zunehmend wörtliche Bedeutung auch dann, wenn wir auf der Autobahn an Verkehrsunfällen vorbeifahren, bei denen noch Tote und Verletzte in den Fahrzeugen liegen, nach dem Motto, der Rettungsdienst ist bestimmt gleich da. Das wäre vor dreißig Jahren in unserem Land noch nicht denkbar gewesen. Heute zücken die Leute eher die Handykamera für ein schönes Youtube-Video, statt zu helfen oder behindern die Helfer sogar.

Es ist tatsächlich so, dass mit einigen Jahrzehnten Liberalismus aus dem Monster Staat, dem misstraut und das gebändigt wurde, nun die Ära des Monster-Bürgers wird, dem man zunehmend ratlos gegenüber steht.

Der Monster-Bürger zeigt ja vor allem eines deutlich auf. Der Liberalismus, also die Abschaffung der Autoritätsangst, führt ganz offensichtlich zur moralischen Degeneration, zum Werteverlust oder zur Erkenntnis, dass Werte bei uns nicht besonders tief verankert sind. Anders ist dieses nervöse Land, in dem eine Spirale zum menschlich schlechten und schlechteren sich dreht, wohl kaum zu erklären, oder?

Im Land des geschäftsmäßigen Lächelns scheint sich derzeit eine Abwärtsspirale im moralischen Sinne zu drehen, die böses für die nächste Wirtschaftskrise erahnen lässt. Ich möchte jedenfalls nicht dabei sein, wenn das losgeht. Dann fallen alle Masken.

Die kulturelle Diversifizierung, die wir vor allem im Rahmen der Zuwanderung erleben, scheint daneben auch zu bewirken, dass es keine verbindliche Moral außerhalb der abgeforderten Arbeitsmoral mehr gibt. Die einen so, die anderen so.

Wir steuern auf nichts Gutes zu, die Nervosität ist berechtigt.