Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Früher war es leicht konservativ zu sein, da war es Mainstream. Heute ist das viel schwerer, aber vielleicht auch reizvoller?

Man kann sie nicht mehr hören, unsere Werte des Westens: Freizügigkeit, Toleranz Demokratie! An jeder Ecke bekommt man sie um die Ohren gehauen, sogar die Autobahn nach Osten, auf der ich morgens zur Arbeit fahre, hat man in Autobahn der Freiheit benannt, ganz offiziell! Welche Freiheit, frage ich mich manchmal, wenn ich dort im Stau stehe, aber das ist eine andere Sache.

Das Problem, welches inzwischen viele Leute mit unseren „Werten“ haben, ist, dass hier ausschließlich liberale Werte, wenn nicht linksliberale Werte erwähnt werden. Alles andere scheint in der medialen Öffentlichkeit im „Wertekeller“ gelandet zu sein.

Wie sieht es aus mit Familie, Tradition, Zusammenhalt? Es kann einem schon passieren, dass der rigorose, linke Mainstream, der seit den Erfolgen der AfD im Kampfmodus ist, einem Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt, wenn man die Familie für die Keimzelle der Gesellschaft hält, die Tradition für das, was uns Identität gibt und den Zusammenhalt auch als Zusammenhalt der Deutschen untereinander fordert.

Resultat ist dann nicht selten eine fiese Kritik von links, nach dem Motto, die Nazis haben auch die Familie idealisiert, Tradition ist etwas für „Identitäre“ und „Reichsbürger“ und Volksgemeinschaft ist eben auch ein brauner Begriff, genau wie das Volk, möchte man meinen. Nicht umsonst laufen in Ostdeutschland nur noch die Neonazis umher und skandieren, „Wir sind das Volk“.  Ein Begriff der jetzt von den Braunen besetzt wird, weil er ansonsten heimatlos wäre?

Es ist wirklich schwer, in solchen Zeiten konservativ zu sein. Man muss sich gegen Nazis ebenso abgrenzen, wie gegen linke Argumentationsmuster, die einen in die Naziecke schieben wollen. Das vergiftete Klima scheint auch Methode zu haben. Denn Beschimpfungen und Diskreditierungen scheinen viel wirksamer zu sein, als überlegte Argumente.

Jedenfalls muss man als Konservativer, vorsichtig sein, was man sagt, denn man wird schnell von einer medialen Kanaille angegriffen, die vor allem eines tut, draufhauen!

Das mediale Gebrüll ist unüberhörbar und reicht bis in den Bundestag.

Nun ist man als Konservativer eigentlich nicht rechtsextrem und möchte hauptsächlich bewahren und retten, keinesfalls das System stürzen oder Katastrophen provozieren. Einen Konservativen schmerzt, der Untergang vieler Familien, der fehlende Zusammenhalt in der Gesellschaft und die mangelnde Solidarität. Er steht der Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen skeptisch gegenüber und fürchtet, dass die Errungenschaften unserer Gesellschaft dadurch in Frage gestellt werden, dass Sicherheit und Ordnung leiden und der Rechtsstaat überfordert sein könnte.

Alles keine grundlosen Befürchtungen, angesichts von zwanzig Prozent Bürgern mit ausländischen Wurzeln und mehreren Millionen Muslimen mit ganz anderer Mentalität, die wir im Land haben.

Ja, vermutlich ist es so. Ein konservativer Deutscher möchte keine Weltgesellschaft in Deutschland begründen. Aber ist er deshalb intolerant und pflegt ideologische Nähe zum Nationalsozialismus?

Wohl kaum.

Nur, wo soll man hin, wenn man angesichts der derzeitigen Entwicklungen in Deutschland, konservativ denkt?

Die Wirtschaft hat sich längst ideologisch am linken Mainstream angehängt, weil hier das wirtschaftsfreundliche Klima herrscht. Konsumstimmung, Weltoffenheit bis hin zum Kosmopolitismus und „Anything Goes“, was die Arbeitsmärkte angeht. Das innovationsfreundliche Technikverhalten des linken Mainstreams kommt dazu. Also alles Punkte für die Linken und gegen die Konservativen.

Gibt es noch andere mögliche Heimaten für Konservative in Deutschland?

Ja, man kann in die kleinbürgerlichen Mittel- und Unterschichten flüchten, muss aber damit rechnen, dass es dort schnell mal ideologisch anrüchig wird. Am besten man spricht nicht groß über Politik.

So besteht die Gefahr, dass man als Konservativer ins Unpolitische flüchtet, was einen zur politischen Wirkungslosigkeit verdammt, weil man anderen das Feld überlässt.

Den eigentlichen Kampf, der ja auch ein Kulturkampf ist, führen dann die radikalen Kräfte, was dann zu noch mehr Vergiftung in unserem Land führt. Gerade als Konservativer würde man ja eigentlich gebraucht, um die Radikalität abzupuffern. Das ist aber nicht mehr erwünscht. In den Medien und der Politik scheint man diese Radikalität geradezu zu suchen, um effektvoll und unsubtil zuschlagen zu können. Diese Tendenz scheint bis in den Bundestag zu reichen, wo sich die SPD dabei hervortat, die AFD als rechtsradikale Nazipartei zu diskreditieren. In diesem Klima müssen auch ein Horst Seehofer und ein Hans Georg Maaßen damit rechnen, als Rechtsextreme beschimpft zu werden.

Konservative sind also für diesen brutalen politischen Kampf gar nicht geeignet, weil „Mäßigung“ eben heutzutage keine Waffe mehr ist,

Fazit ist wohl, dass es nicht nur schwierig ist, sondern fast schon unmöglich, in einem derartig politisch radikalisierten und ideologisierten Umfeld, ein Konservativer zu sein.

Aus meiner Sicht allerdings ein Grund, es jetzt erst recht zu versuchen!