Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Tatsächlich können Menschen ihre lästigen Hemmungen loswerden. Eine Frage, die Freud noch wesentlich fatalistischer sah, beantwortet nun der liberale Kapitalismus ganz praktisch im Alltag.

Gut zu beobachten sind soziale Enthemmungen in unseren Metropolen und das geht tatsächlich vom Sex bis zur Gewalt. Ich konnte mir zum Beispiel bisher nicht vorstellen, dass sich Menschen morgens um sechs auf dem Weg zur Arbeit noch schnell prügeln. Aber auf dem Parkplatz hinter unserem Haus, als es um Revierstreitigkeiten (gemeint ist tatsächlich nur der Parkplatz!) ging, geschah das. Beteiligt waren zwei Männer und eine Frau. Sie haben dabei gebrüllt wie die Schimpansen.

Die Tierwelt zeigt uns ja überhaupt, dass sich soziale Hemmungen vor allem in Gruppen und Lebensgemeinschaften aufbauen und schnell verlieren, wenn Tierindividuen allein unterwegs sind. Dann gilt sprichwörtlich das Gesetz des Dschungels.

Damals, als Studenten im Berlin der Achtziger hatten wir viele Freunde und Bekannte, die hauptsächlich davon sprachen, ihre Skrupel loswerden zu wollen, um wirklich ihr eigenes Ding zu machen. Der Grundgedanke des Individualismus, glaube ich. Heute sind die Leute schon deutlich weiter. Aussagen von Männern und Frauen über die wichtigsten beiden Domänen, die Liebe und die Arbeit, legen nahe, dass soziale Adhärenz weniger bedeutsam ist, als sozialer Aufstieg. Es wird ganz unbefangen über 1A-Partner und 3B Partner gesprochen und nicht mehr die Zuneigung (was ist das?) sondern die Konkurrenz bestimmt das Geschäft der Partnersuche. Bei Frauen, wie bei Männern.

Sex ist dabei der Dreh- und Angelpunkt für alle, die sich noch im Kampf befinden, der durchaus mit harten Bandagen geführt wird. Wer auf Dating-Websites unterwegs war, weiß, was harte Kriterien sind. Sowohl Männchen, als auch Weibchen tun sich dabei keinen Zwang an, den potentiellen Partner knallhart nach Kriterien des sozialen Wertes durchzurastern und durchfallen zu lassen und das möglichst unsanft rüberzubringen. Das ist eben auch Hemmungslosigkeit, nicht nur Dirty-Talk beim Sex.

Die emotionale Kälte ist bereits so weit fortgeschritten, dass es keine Hemmungen mehr gibt, auch beim sensiblen Thema der Partnersuche, jede Menge Zerstörung und verbrannte Erde zu hinterlassen.

Insbesondere fallen die Hemmungen besonders dann, wenn es keine Achtung mehr für den anderen gibt. Dann wird es eben krass. Wenn potentielle Liebespartner aber erst einmal konsumiert werden müssen, um scheinbar festzustellen, ob der andere auch genießbar sei, dann gibt es eben diesen Kontakt an der schönen Oberfläche, die hinterher erheblich Reaktanz erzeugt. Man kennt den anderen ja gar nicht. Schließlich wird der potentielle Partner schon bei kleinsten Unstimmigkeiten zerlegt und vernichtet. Ein Bild wie bei Insekten. Soziale Hemmungen gibt es dann nur noch als Instinkt, bis man den Geschlechtspartner auffrisst oder tötet.

Unsere Medien sind voll davon, wie sich enthemmte Individuen gegenseitig zerlegen. Sei es im Reality-TV auf RTL oder in den Nachrichten, wo mal wieder ein Mann seine Partnerin getötet hat. In Frankreich heißt es Femicide und wird von den Frauen als Thema auf die Straße gebracht. Die Frage, ob soziale Mordversuche nicht das Substrat solcher Extreme sind, kann man nur ganz lückenhaft feststellen. Niemand gibt das offen zu, aber im Internet findet man so einiges und auf Twitter auch. Die Sprache verroht, ist brutalisiert und Menschen werden mit einem Satz vernichtet.

Neulich in der S-Bahn gehört, wie sich junge Leute unbefangen über soziale Nahtoderlebnisse, sozialen Selbstmord und soziale Tötungen unterhalten haben. Es läuft einem eiskalt den Rücken herunter. Solche existentiellen Formeln werden im Kampf aller gegen alle inzwischen als normal angesehen. Der Ausruf wütender Araber: „Du bist tot!“ bekommt auf diese Weise einen ganz neuen Sinn, wird von jungen Leuten sinngemäß so übernommen, dass der andere eben sozial entsorgt wird, wenn auch nicht immer in einem Plastiksack. Die Empathie wird dabei zunehmend zu einer sozialen Technik, die nur bei sozial wertvollen Individuen angewandt wird, bei den anderen, weniger wertvollen, nur als Methode, sie wirkungsvoll abzuschießen, indem man ihre schwachen Punkte erkennt und trifft.

Kein Wunder, dass es zunehmend den sozialen Rückzug und schwere soziale Phobien gibt, eine zunehmende Unlust und Angst, sich anderen in der Beziehung zu stellen. In Japan hat das schon die Beziehungsstatistiken versaut. Der neue Trend heisst dann vielleicht  Hikikomori, was soviel bedeutet, wie sich einschließen. Meist junge Menschen, die dann über Jahre ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Für die Psychotherapie eine erhebliche Herausforderung.

Es wurde in den letzten Jahrzehnten viel über den zunehmenden Narzissmus in unseren westlichen Gesellschaften gesprochen. Das Thema ist inzwischen durch. Narzisstisch sind die meisten und die sozialen Kriterien, die an einzelne angelegt werden, sind es ebenfalls.

Das neue Thema unserer Gesellschaft legt noch einen Zacken zu. Es lautet Psychopathie. Psychopathie ist ein seelisches Gefüge in dem große emotionale Kälte für andere vorherrscht. Es geht darum, andere zu konsumieren und für eigene Ziele zu benutzen, wobei jedes Mittel erlaubt ist. Psychopathie in dieser Hinsicht ist bei Männern und Frauen ziemlich gleich verteilt. Sie spart keine Domäne des Lebens aus, findet sich beim Sex und der Liebe genauso, wie bei der sozialen Existenzerhaltung im Berufsleben.

Psychopathie ist vor allem ein Zustand, der endlich eines garantiert. Absolute Hemmungs- und Skrupellosigkeit.

Wir machen wirklich große gesellschaftliche Fortschritte!