03052017

Urlaubskulisse mit Schönheitsfehlern. In Frankreich nimmt die Armut seit Jahren drastisch zu. Foto: Gedächtnisbüro 2017

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

“Ihr habt doch nur Frankreich” ruft LePen in einem Wahlspot den Franzosen zu. Stimmt das? In Frankreich wird ernsthaft diskutiert.

Frankreich, eine Woche vor der Wahl. Gestern hier angekommen mit Easyjet zum Spartarif für weniger als einhundert Euro. Neben mir im Billigflieger sitzen zwei Hubschrauberpiloten, schauen sich Urlaubsbilder an und studieren das Handbuch eines Airbus-Helicopters, den sie hier übernehmen sollen. In Marignane bei Marseille werden ca. 500 Helicopter, mit modernster Technik, von Airbus hergestellt. So funktioniert Ökonomie in Europa grenzüberschreitend und im Sparmodus. Die Piloten fliegen mit Easyjet. Im Bus zum Hotel ein ironisches Plakat. Der wahre Ökonom, heißt es, kauft sich eine Fahrkarte und stempelt sie gültig. Alles andere wird teurer.

Am Abend in dem sehr schön eingerichteten, aber kleinen Hotelzimmer in Nizza, telefoniere ich mit meiner Frau, zum Nulltarif über Skype, und wird reden über allgegenwärtige Armut auf den Straßen. Mir fällt auf, dass die Armut auch dieses Mal wieder deutlicher geworden ist, im Schwerpunkt durch Menschen die auf der Straße leben, den Müll durchwühlen und immer deutlicher und aggressiver Almosen von Touristen erbetteln. Das ist aber keineswegs alles.

Die Armut hier in Südfrankreich hat drei verschiedene Eigenschaften, die man überall beobachten kann. Sie ist entweder weiblich oder alt oder dunkelhäutig, gelegentlich alles drei zusammen. Selten habe ich so viele Frauen gesehen, die mit verschlissener Kleidung, eingefallenen Gesichtern und ungepflegt, doch noch versuchen den Schein der Bürgerlichkeit zu wahren. Meist sind sie mittleren Alters, weiß mit typisch französischen Gesichtern, keine Einwanderinnen also und um der Annahme gleich abzuhelfen: Keine Alkoholiker und Drogenabhängigen, obwohl das Drogenproblem auch in Frankreich stetig zunimmt.

Abends im Fernsehen sieht man, dass die Franzosen Schwierigkeiten haben, sich zu entscheiden. Zwischen den unbestreitbaren Vorteilen, die Europa ihnen gebracht hat und der aktuell, erkennbar, schlechten Lage pendeln die Diskussionen hin und her. Plötzlich wird darüber gesprochen, dass es in Frankreich auch schon eine Wirtschaft vor dem Euro gab und die Vorschläge von Marine Le Pen, der Austritt aus dem Euro und vielleicht sogar aus EU und Nato, werden in Talkshows durchdekliniert. Nicht so wie in Deutschland, in arroganter und überheblicher Manier gegenüber der AfD, sondern recht ernsthaft und sachlich. Marine Le Pen ist, anders als in Deutschland die AfD, ein gesellschaftlich etablierter politischer Faktor, den man ernst zu nehmen hat. Sie hat vor allem im Süden Frankreichs die Nase eindeutig vorn.

Genau hier im Süden, an der Cote d´Azur befinde ich mich gerade und schaue, was die Franzosen, kurz vor der Wahl, machen.