Sönke Paulsen, Berlin

UNO-Woche Vor der UNO sagte Lawrow, dass Gewalt im Westen zur Normalität geworden sei. Stimmt das? Ein Versuch über unsere Gewalttätigkeit.

Wenn im Spätsommer das Ende der Wespen naht, sagt man, würden sie besonders aggressiv. Ich kann das weder bestätigen noch bestreiten, ich bin immer vorsichtig mit diesen Viechern.

Gesellschaften, die sich in der Krise befinden, seien gefährlich, weil sie ihren Zusammenhalt dadurch wieder erlangen wollten, dass sie sich äußere Feinde schaffen und diese bekämpfen. Ob das für Deutschland nach der Weimarer Republik und für Frankreich nach der französischen Revolution irgendwie gelten kann, weiß ich nicht. Aber Napoleon zumindest hat Russland überfallen und Hitler auch.

Ich bin aber weder Historiker noch Biologe und kann das eigentlich nicht beurteilen, weder das mit den Wespen noch mit dem Westen in der Krise.

Mir fällt nur auf, dass wir nach außen irgendwie viel gewalttätiger sind,  als die Inder oder die Brasilianer, die Chinesen oder die Russen. Amerika hat nach dem zweiten Weltkrieg eine Liste von Angriffskriegen produziert, die man sich einfach mal durchlesen muss, weil man es schon längst vergessen hat.

Die Sucht nach “mehr”

Die Behauptung, dass die westlichen Demokratien nach außen friedfertig seien, erinnert mich immer an die Behauptung meine Frau, dass ich ihr schon ewig nichts mehr geschenkt habe. Wenn ich dann nachgrübele, fallen mir die vielen Shoppingtouren ein, die wir im letzten Monat gemacht haben und bei denen sie immer mit vollen Einkaufstüten nachhause ging.  Ein Geschenk von mir, war eigentlich immer dabei. Das Gedächtnis aber reichte immer nur so lange, bis das Bedürfnis nach „mehr“ aufkam und dann hieß es, dass wir uns ja überhaupt nichts gönnen würden. Das Startsignal für die nächste Shoppingtour.

Mittlerweile glaube ich, dass auf diese Weise nicht nur meine Frau und ich einkaufen gehen, sondern die großen Industrieländer der so genannten demokratischen Welt dasselbe machen, nur dass sie eben gleich global shoppen gehen und ganze Länder einkaufen oder (Verzeihung) überfallen. Nie ist es genug.

Innere Spannungen

Seit der Erfindung des Begriffes „Globalisierung“ drohen Wirtschaft, Politik und Medien einhellig mit dem Untergang unserer Zivilisation, wenn wir nicht schneller, besser und vor allem expansiver wachsen, als die anderen Länder, denen zumeist schlechter geht als uns. Sie drohen mit Wohlstandsverlust, Arbeitsplatzverlust und Rentenverlust, wenn wir nicht zu Höchstleistungen im globalen Wettbewerb bereit sind.

Neuerdings werden wird auch unsere Handelswege, unsere Rohstoffzugänge und schließlich unsere Sicherheit verlieren, wenn wir keine schlagkräftigen Einsatztruppen aufbauen, die überall auf der Welt im Sinne dieser drei Interessen überlegen-militärisch intervenieren können.

Gewaltbereitschaft des Westens zeigt sich diese Woche in der UNO

Das Wespenvolk, aus dem auch ich stamme, ist derzeit dabei die UNO mit einer beispiellosen Welle von Gewaltverherrlichung zu überschwemmen. Obama dämonisiert den Islamismus und jeder westliche Politiker erlaubt sich die sunitische Bewegung Islamischer Staat als pure Ansammlung von Teufeln zu charakterisieren, die psychologisch gar nicht mehr betrachtet werden dürfen, weil sie „nur die Sprache der Gewalt“ verstehen, wie sich Obama ausdrückte.

Schwach wirkte dagegen der Widerstand des iranischen Präsidenten Rohani, der die islamistische Gefahr auf den Kolonialismus und Rassismus des Westens in den letzten Jahrhunderten zurückführte und somit den ehemaligen Kolonialstaaten erhebliche Mitschuld an der Entstehung radikaler religiöser Regressionen gab.

Kolonialismus goes Globalisierung

Stimmt das? Wurde aus Kolonialismus Globalisierung? Ist letztere vielleicht genauso gewalttätig und menschenverachtend wie ersterer?

Ja, es scheint so, als würde ich auch einer von denen sein, die sich mit Rohani verbünden könnten, um den heroische Kampf der westlichen Demokratien für die „Freiheit“ als gewalttätigen Neokolonialismus zu diskreditieren, ohne in den „Befreiungskriegen“ des Westens den Segen für die Menschen sehen zu können.

Bin ich blind?

Demokratiemüdigkeit als Grund für Kritk am Westen?

Vielleicht bin ich auch nur so eine degenerierte und lebensmüde Wespe, die der eigenen Freiheit überdrüssig plötzlich undemokratischen Bewegungen nicht wiederstehen kann?

Eigentlich liebe ich die Demokratie. Ich kann gar nicht genug davon bekommen. Aber ich verachte das Recht des Stärkeren im Wirtschaftsliberalismus und diese ständige Sucht nach „mehr“, nach Expansion nach Beglückung anderer., die der “interventionistische Liberalismus” (Robert Kagan) der Neokonservativen predigt.

Vor allem hasse ich die Gewalt, die von westlichen Rüstungsexzessen während des kalten Krieges bis zur eiskalten Killer-Mentalität des Drohnen-Krieges gegen Individuen reicht. Ich verachte die Gewalttätigkeit unserer Länder! Ihre Befürworter widern mich an.

Mentale Unterschiede zwischen West und Ost?

Noch ein Feind der Demokratie, Wladimir Putin. Den zitiere ich auch noch. Er sagte vor zwei Jahren in einer RT-Talkshow (staatlich gelenkt natürlich ohne jede Pressefreiheit) sinngemäß folgendes:

Er habe viel über den Ausspruch von Scarlett O´Hara aus dem Roman „Vom Winde verweht“ nachgedacht, der da lautet: „Ich werde nie wieder hungrig sein!“ In Russland würde man einfach nicht so denken. Die Aussage käme ihm materialistisch vor, er vermisse die Spiritualität.

Erstaunliche Aussagen eines Mannes, der einer Riege von Oligarchen vorsteht, die so reicht sind, dass im Westen ganze Kaufhäuser, wie das „Kaufhaus des Westens“ in Berlin, dicht machen können, sollten sie ihre Frauen zum Shoppen plötzlich in andere Erdteile schicken. Aber warum shoppen deren Frauen gerade im Kadewe? Warum nicht in Mozambique oder Marakesch?

Natürlich weiß ich das nicht. Ich habe nur die Vermutung, weil diese Kaufhäuser den gesamten globalen Reichtum repräsentieren. Es geht darum, dort einzukaufen, wo sich traditionell alle Reichtümer der Erde anhäufen – in Berlin, Paris oder New York. Das soll auch so bleiben!

Die globalen Reichtümer gehören traditionell dem Westen?

In Berlin hat das Pergamon-Museum gerade dicht gemacht. Es soll renoviert werden. Der Pergamon-Altar und die anderen orientalischen Kostbarkeiten, die es dort zu bewundern gibt, wurden ja nicht einst in der berühmten Wikinger-Stadt Haitabu, aus deren Nachbarschaft meine Familie stammt, hergestellt. Meines Wissens nicht. Aber die Wikinger hätten diesen Altar bestimmt geklaut, wenn er in ihre Schiffe gepasst hätte.

Sie sind ja bis in den vorderen Orient gesegelt und haben dort Raubzüge veranstaltet. Sie kamen auch bis zum Schwarzen Meer, dorthin, wo jetzt der Westen dabei ist eine Speerspitze für die Freiheit gegen den “diktatorischen” Osten zu errichten, wenn auch mit mäßigem Erfolg.

Aber Angst und Schrecken, Chaos, Vernichtung und viele, viele Tote haben die Wikinger ebenso verursacht, wie die westlichen Demokratien mit ihren „Freiheitskriegen“. Ich will hier von den Kreuzzügen überhaupt nicht anfangen.

Im Grunde habe ich keine Ahnung.

Westrhetorik auf der UNO-Generalversammlung und schwache Gegenwehr der anderen Länder

Steinmeier aber weiß Bescheid, wenn er vor der UNO betont, Russland habe dem Westen durch die gewaltsame Verschiebung von Grenzen keine Wahl gelassen.  Da wirkt es irgendwie schwächlich, wenn Lawrow, der russische Außenminister dem Westen vorwirft, er habe den Umsturz in Kiew unterstützt.  «Die neuen Machthaber in Kiew haben Gewalt gegen die eingesetzt, die nur ihre Kultur und Sprache verteidigen wollten.» USA und EU versuchten, die Kontrolle über ein größeres geopolitisches Areal zu bekommen. «Sie verletzen dabei die UN-Charta und das Übereinkommen von Helsinki.»

Was sind das für schwache Worte gegen den Kampf für die „Freiheit“ , den der Westen führt!

Zum Islamischen Staat (IS) weiß Steinmeier vor der UNO folgendes: Deren «teuflisches Werk» sei kein regionales Problem für den Irak, Syrien oder Afrika. «Diese Barbarei richtet sich gegen uns alle – gegen alles, wofür die Vereinten Nationen stehen.»

Der chinesische Außenminister, Wang Yi,  betonte hingegen, militärische Einsätze könnten keine Lösungen sein. «Wir müssen Schwerter zu Pflugscharen machen. So etwas dauert und wir brauchen Geduld. Aber die Geschichte zeigt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt».

Gute Gewalt – böse Gewalt?

Aber es kann doch nicht die Gewalt der demokratischen Länder des Westens sein, die Gegengewalt erzeugt, wir sind doch die Guten! Wie Kanzleramtsminister, Altmeier, zum Komplex der Russen, die glauben sie müssten sich gegen das Näherrücken der Nato verteidigen, kürzlich in einer Talkshow sagte: „Von der Freiheit kann man nicht umzingelt werden!“

Irgendwie scheint die Welt nicht begreifen zu wollen, dass wir im Besitz der „guten Gewalt“ sind, die zwar genauso tötet, verstümmelt und traumatisiert, wie die „böse Gewalt“, aber eben einem guten Zweck dient.

Nur welchem?

Innere Leere als Ursache westlicher Expansion

An dieser Stelle, an der ich über Sinn und Zweck unserer globalen Vorherrschaft nachdenke, überkommt mich eine seltsame Leere. Ich zünde mir eine Zigarette an, aber die Leere verschwindet nicht. Ich denke über Menschenrechte, Demokratie und Freiheit nach und mir fällt dabei nur unser „stalinistischer“ Arbeitsmarkt ein, errichtet von der SPD, die den Arbeitszwang um jeden Preis eingeführt hat und jetzt geringfügig entstalinisiert von der großen Koalition., durch den Mindestlohn.

Mindestlohn?

Mir fallen die jungen Mädchen ein, die in Bangladesh in Textilfabriken eingesperrt werden, damit sie billige Textilien für uns nähen und die afrikanischen Kindersklaven die für Nestle in Afrika Kakao ernten, damit es weiterhin billige Milka-Schokolade gibt. Meine innere Leere steigert sich zu einem Kopfschmerz, wenn ich überlege, wozu das alles dienen soll?

Mir fällt immer nur dieses „mehr“ ein, Mehrwert, mehr Wachstum, mehr Freiheit.

Ich fühle mich bei diesen Gedanken wie ein Krebsgeschwür, dass eigentlich auch nur mehr will, wachsen will und das man ja auch mal fragen könnte: Warum? Wenn Krebszellen reden könnten, würden sie mit ziemlicher Sicherheit folgendes antworten:

„Wir wollen mehr Freiheit!“

Sie reden aber nicht und wachsen nur und setzen so ihr Werk der Zerstörung fort.

Der Westen kommt mir mit seiner chronischen inneren Leere, die seit Jahrzenten nur noch mit der Sucht nach „mehr“ mit blindem Wachstum gefüllt wird, wie dieses Krebsgeschwür vor. Er schreit seine Werte in Angriffskriegen laut heraus, wie ich es damals beim Lauf der Kompanie während meines Wehrdienstes tun musste: „Coca Cola, Coca Cola eisgekühlt!“  Das lächerliche Kriegsgeschrei des Westens im Originalton meines individuellen Gedächtnisses.

Die Sucht nach „mehr“ inhaltslos, krisenhaft und zuletzt – äußerst gewalttätig.

Was verursachten wir, seit dem Kolonialismus mit dieser Gewalttätigkeit auf dem Globus?

Wo liegt der Mehrwert unserer Ideologie für andere Völker?

„Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität?“

Da wo wir Kriege geführt haben, wuchs in den letzten Jahrzehnten nichts dergleichen nach!

Wir haben unsere innere Leere in die Köpfe und Seelen anderer Völker exportiert – meist mit Gewalt!

Wir brauchen diese Gewalt, diese Aggression, gegen alle, die nicht so sind, so leben wollen, wie wir, damit wir unsere Aggressionen nicht gegen uns selbst richten müssen. Unser Expansionsprinzip ist in etwa das, eines bösartigen Tumors: „Wachstum und Freiheit um jeden Preis – oder aber Zerfall“.

Dieser Beitrag erscheint auch im Freitag:

https://www.freitag.de/autoren/soenke-paulsen/warum-der-westen-so-scharf-auf-gewalt-ist