Deutschtürkische Flagge

Deutsch-Türkische Freundschaft? Warum nicht?

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Schon das Angebot, türkische Lira im großen Stil aufzukaufen, könnte wirken. Die Türkei ist derzeit der währungspolitische Paria an den internationalen Finanzmärkten. Wenn sich Deutschland auf den Standpunkt stellen würde, dass jedes Vertrauen in die türkische Wirtschaft gerechtfertigt ist (ein Standpunkt der angesichts der guten Wirtschaftslage in den letzten Jahren durchaus zu vertreten wäre), könnte die Lira-Krise in Kürze beendet sein.

Wie kommt Andrea Nahles eigentlich darauf, der Türkei Erdogans ohne politische Vorbedingungen zu helfen?

Dummheit, Naivität oder äußerste Schläue?

Ich lege mich auf Letzteres fest. Nahles Vorstoß ist so unerwartet wie genial. Die SPD ist nicht gerade für große Freundschaft mit der türkischen Autokratie bekannt, es steckt also etwas anderes dahinter.

  1. Respektbeweis gegenüber den Türken. Die AKP ist nicht gerade beliebt unter den Deutschen, aber sie repräsentiert die Mehrheit (wenn auch nicht die absolute Mehrheit) der Türken. Ein Land aus Gründen der politischen Animositäten abstürzen zu lassen, dessen Bürger eben auch mitgeholfen haben, Deutschland aufzubauen, ist unfair.
  2. Noch nie ist es gelungen einen autoritären Führer eines, auch noch so kleinen Landes, durch Sanktionen in die Knie zu zwingen. Erdogan wird einen Ausweg finden, sehr wahrscheinlich auf Kosten seiner Türken. Das gilt es zu verhindern. Wenn wir die Türkei mit diesen Sanktionen im Stich lassen, wird es hinterher nur ein Land mehr geben, das sich (wie Russland) in der Kontraktion befindet und allen demokratischen Versuchungen trotzt. Wollen wir das?
  3. Deutsche Unternehmen haben in der Türkei investiert und das nicht zu knapp. Auch türkische Unternehmen sind in Deutschland engagiert, der Handel zwischen beiden Ländern hat ein Volumen das größer ist, als der Handel mit den gesamten Balkanstaaten zusammen. Wir würden also ebenfalls (wenn auch begrenzten) Schaden nehmen, so die Türkei abstürzt.
  4. Man kann den Türken alles vorwerfen, meinetwegen auch Islamismus, aber nicht, dass sie undankbar sind. Dieses Volk weiß sehr wohl, wer ihm hilft und wer ihm schadet. Erdogan ist ein Türke, also weiß er das auch. Undankbar waren Türken noch nie. Also kann man der Türkei aus der Krise helfen, ohne sich hinterher ärgern zu müssen.
  5. Politische Vorbedingungen sind nicht erfüllbar. Was wir von der Türkei wollen, dass sie zur liberalen Demokratie zurückkehrt, ist ungefähr so, als würde ein Ehemann von seiner Frau verlangen, dass sie ab sofort 30 Jahre jünger ist. Ein völliges Unding. Vergessen wir die Vorbedingungen und helfen einfach. Nahles hat Recht.