Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Wer hat eigentlich diese Idee mit der Resolution im Bundestag gehabt? Schwer herauszufinden, weil das Armenien-Thema schon seit Jahrzehnten bei uns köchelt. Ebenso lange gibt es in der Türkei einen starken Widerstand, die Ermordung von Millionen Christen in Armenien durch das Osmanische Reich als Völkermord zu bezeichnen.

Allerdings gibt es eine ganze Reihe türkischer NGOs die das taten und es auch immer noch tun. Die Türkei ist also nicht in Gänze gegen die Anerkennung der Erbschuld am Genozid, es ist vor allem der nationalistische Flügel und jetzt eben auch der islamistische unter dem Präsidenten Erdogan, welche die türkische Ehre beschmutzt sehen.

Aktuell sitzen die Beschmutzer in Deutschland, im Bundestag genaugenommen, wo heute die Resolution zum Völkermord in Armenien endlich verabschiedet wurde. Aber warum? War es wirklich die Mitschuld des Deutschen Reiches im Jahre 1915 und 1916, die den Parlamentariern einhundert Jahre später unter den Nägeln brannte?

Zweifel sind erlaubt.

Betrachten wir die Sache doch einfach etwas tagespolitischer und fragen uns, was nun ausgerechnet heute zur Resolution führte, welche die Türken kalkuliert in Rage bringt. Will man das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei kippen? Keine schlechte Idee, denn dann würde sich die Abhängigkeit von Erdogan und seinem halbkriminellen Regime und dem türkischen Schleuserapparat sowie der Außenstelle des IS in Europa einfach erübrigen.

Vermutlich aber gibt es ganz andere Gründe für die Provokation. Wir sollten uns einfach daran gewöhnen, dass wir immer dann in die Bredouille kommen, wenn die Amerikaner von uns den Vollzug amerikanischer Interessen in Europa verlangen. Das ist auch heute so gewesen.

Armenien ist seit dem Balkankrieg anerkannter Zankapfel zwischen russischen und amerikanischen Interessen. Das Land erhält von den USA die dritthöchsten Zahlungen an Entwicklungshilfe und ist zu einer Art von amerikanischem Hätschelkind im Kaukasus geworden. Hintergrund ist natürlich Öl, bzw. die Pipeline die über Aserbaidschan und die Türkei nach Europa führen soll, wenn es nach den Amerikanern geht. Hintergrund ist aber auch die starke russische Militärpräsenz an der Nato-Außengrenze. Die Russen unterhalten dort direkt gegenüber der Türkei strategisch wichtige Militärstützpunkte.

Erewan hat dabei seine Gründe, sich mit Russland gut zu verstehen, denn sie braucht eine Schutzmacht in der Auseinandersetzung mit seinen Nachbarn, in der es um die in Aserbaidschan gelegene Exklave Bergkarabach geht. Wegen dieser Besitzstreitigkeiten befindet sich Armenien im Krieg mit Aserbaidschan. Schließlich geht es neben dem Genozid um diverse Streitpunkte mit der Türkei. Die Grenzen sind auch zur Türkei hin geschlossen. Das kleine Brückenland kann also seine ihm zugedachte Funktion als Pipelineträger nicht erfüllen und das grämt die USA.

Es grämt vor allem auch amerikanische Konzerne, die sich nach dem Rausschmiss aus Russland im Kaukasus regelrecht festgebissen haben. Armenien versucht eine Politik des Ausgleiches zwischen den Vereinigten Staaten und Russland und war darin bisher so erfolgreich, dass es keine Farbenrevolution amerikanischen Zuschnittes geben musste.

Es hätte auch nicht viel genützt, weil die Türkei durch ihre zunehmende Islamisierung als Brückenland zu den westlichen Demokratien für die Armenier ausfällt und das Land ähnlich Georgien dann nur von autoritären Regierungen umgeben worden wäre. Aber vielleicht kommt die Farbenrevolution ja doch noch. Genug amerikanische NGOs gibt es dort allemal und der Krieg der Zivilgesellschaft könnte jederzeit auch in Armenien gezündet werden.

Jedenfalls sind die Deutschen nun an der Reihe, mal wieder geopolitische Schützenhilfe zu leisten (der Balkankrieg lässt grüßen) obwohl sie mit Armenien eigentlich gar nichts zu tun haben. Egal, der Zwist zwischen der Türkei und Armenien muss beendet werden. Sonst bekommt man das Land überhaupt nicht mehr aus dem russischen Einfluss gelöst. Das ist das Hauptproblem und vermutlich die Hauptursache, warum der Genozid der Osmanen an den Armeniern derzeit ausgerechnet in Deutschland ganz oben auf der Agenda steht. Die Armenier fordern eine Anerkennung von der Türkei und die Deutschen sollen ihnen den Weg dahin ebnen. Die Initiative dafür kommt vermutlich aus Washington.

Das Problem ist nur, dass das mit Erdogan nicht zu machen ist. Mission impossible sozusagen und auf absehbare Zeit auch nicht zu ändern. Komplizierend kommt hinzu, dass die Türkei ihrerseits Aserbaidschan im Bergkarabach-Konflikt gegen Russland und Armenien unterstützt. Ein neuer Stellvertreterkrieg könnte drohen, wobei sich dann Amerika in einem schweren Loyalitätskonflikt befände. Sowohl die Türkei, als auch Armenien und Aserbaidschan sieht man dort als Interessenssphäre an.

Die Türkei kristallisiert sich dabei immer mehr zum Problempartner heraus, der den Amerikanern den Weg in den Kaukasus eher verbaut, als die Russen. Das Land will eben seine eigene Einflusssphäre haben. Das aber geht überhaupt nicht.

Die Resolution des deutschen Bundestages kann man auch von dieser Seite betrachten und deutet sie dann vollkommen anders, als die deutschen Medien dies derzeit tun. Nicht als Kampfansage an einen angehenden Diktator und dessen konservativ-islamistischen Nationalismus, sondern als letzter Versuch die Türkei im Kaukasus zu einer Politik des Ausgleiches zu bewegen. Allen voran stehen die Armenier auf der amerikanischen Wunschliste, denen sich die Türken wieder annähern sollen.

Wenn das nicht funktioniert, was jetzt schon so gut wie sicher ist, versucht man vielleicht eine Farbenrevolution in der Türkei. Die amerikanische Presse jedenfalls ist derzeit voll von Berichten über türkische NGOs, die das politische Klima im Land drehen wollen und dafür auch einen Umsturz der derzeitigen Regierung in Kauf nehmen.

Das weiß Erdogan und schmeißt deshalb die gesamte Opposition sukzessiv in das Gefängnis. Die Farbenrevolution aber wird trotzdem kommen. Die Amerikaner arbeiten schon kräftig dran (die Deutschen, wie man sieht ebenfalls).