Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Bei der Amtseinführung von Donald Trump Anfang 2017 schlug dem Präsidentenpaar in der Presse die blanke Verachtung entgegen. Im Augenblick verändert sich das Bild, das die Medien zeichnen. In einigen Beiträgen schwingt sogar so etwas wie Ehrfurcht mit.

Wer wird nicht still, wenn er von einer zerrütteten Ehe hört – ich meine – wer kennt keine zerrüttete Ehe? Viele kennen das sogar aus eigener Erfahrung. Den Trumps eine Ehekrise zu bescheinigen, kann also nur mit Schadenfreue quittiert werden, wenn man so etwas (das Schlimmste) tatsächlich noch nicht erlebt hat.

Mir jedenfalls würde jedes Lachen über neue Indizien für die Entfremdung der Beiden im Halse stecken bleiben. Binationale Ehen gehen meistens schief, die Gegensätze in den Erwartungen und die Unklarheiten in der Kommunikation sind meist gravierend. Auch kann man hier keinen PR-trächtigen Ehe- und Scheidungsreigen wie bei vielen Schauspielern feststellen. Das Präsidenten-Paar kann sich das auch nicht leisten, wenn doch schauspielerische Fähigkeiten vorliegen.

Trotzdem sympathisch, dass sie diese boulevardesquen Wünsche nicht befriedigen.

Interessant aber wird es, wenn Trump-Frau politisch andere Akzente setzt, als Trump-Mann. Stichwort Umgang mit Migranten, Kampf gegen Mobbing in sozialen Netzwerken und die Auffassung von der amerikanischen Gesellschaft generell, die Melania als globale Gesellschaft sieht, während Donald politisch genau diesen Umstand am meisten bekämpft.

Ist das nicht sympathisch?

Zwei Menschen setzen während ihrer Präsidentschaft ihre Positionen fast offen gegeneinander und keiner sagt etwas Schlechtes über den anderen?

Ich finde das sehr sympathisch.

Zwei starke Persönlichkeiten eben, die den Dissens, der sich im Übrigen durch die gesamte amerikanische Gesellschaft, durch die westliche Gesellschaft überhaupt zieht, in ihrer eigenen Beziehung vertreten und aushalten.

Das ist Charakter!

Aber noch etwas gefällt mir an den beiden: Das Rebellische!

Man kann Trump ihm und Trump ihr, allerlei vorwerfen, aber beide haben sehr ungewöhnliche Karrieren hinter sich. Der „Stallgeruch“ der Ostküsten-Aristokratie, die Washington dominiert, geht ihnen komplett ab. Melania, Tochter einer Schneiderin und eines Automechanikers in einer slowenischen Kleinstadt, verkörpert dabei den amerikanischen Traum noch mehr, als ihr Mann Donald, der Sohn und Erbe eines erfolgreichen Geschäftsmannes ist.

Dennoch war Donald eher der missratene Sohn, der gegen seinen Vater rebelliert hat und sein Imperium mit häufig sehr unfeinen Methoden und einem Hang zur Megalomanie schuf. Understatement ist ein Fremdwort für ihn. Somit sind Melania und Donald sehr erfolgreiche Outdrops der amerikanischen Oberschicht und verkörpern damit, relativ glaubwürdig, die Rolle von Außenseitern.

Übrigens wurde der Außenseiter Trump (er war ja auch Außenseiter in der eigenen Partei) von Außenseitern gewählt, die man hinterher als zurückgesetzte, weiße Männer oder auch als Verlierer des amerikanischen Rust-Belts identifizierte. Diese Wähler dürften zumindest gespürt haben, dass Trump irgendwie nicht dazu gehört, obwohl er ein schwerreicher Mann ist.

Jetzt kommt der eigentliche Punkt.

Wenn Trump gegen das amerikanische Establishment und deren Glaubenssätze rebelliert, ist er dabei absolut glaubwürdig, genau wie seine Frau, die gegen ihn rebelliert.

Der Kampf gegen Trump und die vielfache Schmähkritik gegen das Präsidenten-Paar kommt tatsächlich direkt aus dem Zentrum des amerikanischen Polit-Klüngels, der längst Parteigrenzen aufgelöst hat und in demokratischer Hinsicht quasi komplett durch einen Common Sense korrumpiert ist, der um den halben Erdball stinkt. Die Hauptattacken gegen Trump kommen dabei auch in Europa von eben dieser transatlantischen Elite.

Da kann man so viele (letztlich total angepasste) junge Leute auf die Straße bringen, wie man will. Diese jungen Menschen aus der Generation Y und Z sind nicht mehr in der Lage ihre Mentoren in Washington kritisch zu sehen. Man kann auch sagen, dass es sich um die Generation handelt, die nach den ideologisierten Generationen des Kommunismus und des Nationalsozialismus den stärksten Brainwash durchgemacht haben, die überhaupt eine Nachfolgegeneration durchgemacht hat. Die sind nicht kritisch, sondern in einem kritischen Maße durch Gebote und Verbote eingeengt, die kaum eine Generation vor ihnen akzeptiert hätte. Die Kinder der politischen Korrektheit könnte man sie nennen, die jetzt in wohlorganisierten Anti-Trump-Demos auf die Straße gehen.

Das, wofür diese jungen Menschen kämpfen, ohne es zu wissen, ist die scheinbare moralische Überlegenheit eines vollkommen doppelbödigen Kapitalismus. Ein Trauerspiel.

An Trump kann man nur mögen, dass er die Karten unverblümt auf den Tisch haut und damit jeder Verschleierung der kapitalistischen Machtverhältnisse den Garaus macht. Er ist grob, fies und undiplomatisch, aber er ist nicht doppelbödig, wenn er auch ziemlich verlogen ist.

Unterm Strich ist er ein Mensch, viel mehr als Obama es war. Der sich im Weißen Haus die Exekutionen seiner Gegner per Drohne in Afghanistan, Pakistan, dem Jemen und dem Irak wohlwollend angeschaut hat, sonst aber auf Menschenrechte pochte, auch wenn er Guantanamo eben nicht aufgelöst hat. Seine Außenministerin Clinton lachte sich derweil über den Mord an Gaddafi kaputt (ein entsprechendes Video ist frei zugänglich) und meinte: „We came, we saw, he died!“ Was für ein intelligentes Zitat.

Wenn man dann noch die Gattinnen der beiden Präsidenten vergleichen möchte.

Michelle Obama war eine brave und gut angepasste Präsidenten-Gattin, bei der höchstens die Hautfarbe etwas aus dem Rahmen fiel. Die größeren politischen Akzente setzt die Rebellin gegen ihren eigenen Mann, Melania Trump.

Ich mag diese Leute einfach und bin froh, dass sie gewählt wurden.