Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Im Amazonasgebiet, dass flächenmäßig so groß wie Europa ist, sind seit Juli diesen Jahres zweihunderttausend Hektar Wald durch Rodung und Brände vernichtet worden. Genaue Zahlen seit Anfang des Jahres liegen nicht vor, wobei allerdings die Regenzeit große Brände bis Ende Juni verhindert haben dürfte. Dies ganz im Unterschied zu Europa. In Europa sind seit Anfang diesen Jahres zweihunderttausend Hektar Wald durch Brände vernichtet worden.

Die Dynamik der Vernichtung ist im Amazonasgebiet also höher, aber nicht extrem viel höher, als in Europa.

Prozentual ist die Waldfläche die in Europa seit Januar verbrannt ist, allerdings höher, als die Waldfläche, die diesem Jahr im Amazonas vernichtet wurde. Denn 47 % Europas sind mit Wald bedeckt und über 65% des Amazonasbeckens sind noch mit Wald bedeckt.

Wenn man also diese beiden Gebiete, Europa und Amazonien vergleicht, fällt ein Verlust von 200 000 Hektar in Europa natürlich sehr viel mehr ins Gewicht, als in Amazonien, zahlenmäßig zumindest.

Jeder Hektar zerstörter Wald ist allerdings ein Hektar zu viel, überall auf der Welt!

Eine gerodete Fläche in Amazonien braucht etwa 100 Jahre um sich zu regenerieren. In Europa geht das teilweise etwas schneller, obwohl das Holz hier eigentlich langsamer wächst. Aber die typische Regenwaldstruktur mit 30 Meter hohen Bäumen wird in Europa für einen Wald auch nirgendwo gefordert, so dass wir hier schon wenige Jahrzehnte nach der Aufforstung von einem intakten Waldbestand sprechen können.

Unsere Wälder sind allerdings keine Urwälder mehr sondern, bekanntermaßen Nutzholzplantagen mit geringer Biodiversität und hoher Anfälligkeit gegen aversive Naturereignisse wie Trockenheit, Feuer, Sturm und Schädlingsbefall, Lufverschmutzung und so weiter.

Wenn wir intakte Urwälder aufbauen wollten, bräuchte das ebenfalls einhundert Jahre und mehr, vergleichbar dem Urwald im Amazonasbecken. Intakte Urwälder gibt es in Europa nur noch auf 2% der Flächen.

Einen Schluss könnte man bereits jetzt daraus ziehen.

Wenn wir im Amazonas hohe Waldverluste beklagen, sollten wir uns beeilen, unsere eigenen Wälder in biodiverse Urwälder umzuwandeln, die nur extensiv genutzt werden können.

Die Frage ist dabei nicht nur, was die Sojabauern in Brasilien über ihre Wälder denken, sondern auch, ob europäische Waldbauern bereit sind, auf eine intensive Nutzung ihrer Wälder zu verzichten und welchen Ausgleich sie dafür bekämen.

Nützt die Umwandlung unserer europäischen Wälder in biodiverse Urwälder dem Klima?

Die Frage ist wohl schwer zu beantworten, weil Europa, global gesehen, keine große Fläche darstellt und somit auch keine große Waldfläche herstellen kann, die ähnlich klimarelevant werden könnte, wie die südamerikanischen Regenwälder.

Aber ganz naiv könnte man natürlich fragen, ob sich die großen Waldverluste in den Regenwaldgebieten der Erde (nicht nur Südamerika, sondern auch Asien und Afrika) nicht durch Waldzuwachs in den nördlichen Regionen der Erde, in den gemäßigten Breiten ausgleichen lassen?

Hier sind Modelle und Simulationen erforderlich. Faktisch gibt es bereits Simulationen zur globalen Waldentwicklung, aber keine Simulationen, die realistische Vorstellungen von den Zusammenhängen der Waldentwicklung und der Klimaentwicklung zeigen.

Dennoch ist es wichtig nicht zu übersehen, dass

  1. Die derzeitigen globalen Waldbestände noch 15% des Kohlenstoffes der Erde speichern und damit einen CO2 Anstieg in der Atmosphäre tendenziell verhindern. Sie wandeln CO2 im beträchtlichen Maße in Sauerstoff um.
  2. Die Feuchtigkeit in der Atmosphäre auch durch die Waldbestände gewährleistet wird.
  3. Eine Verschiebung von Waldbeständen in den unterschiedlichen Klimazonen der Erde zwangsläufig zu Klimaveränderungen führen muss.
  4. Die Biodiversität vor allem den Wäldern zuzuschreiben ist, wenn man die Ozeane außer Acht lässt.

Die Wälder sind also auch dann der entscheidende Faktor für unser zukünftiges ökologisches Gleichgewicht, wenn man den Fokus vom Amazonas auf die globalen Wälder und hier nicht nur die Regenwälder verschiebt. Auch Wälder in den kalten Zonen der Erde sind gefährdet und lassen sich hier noch viel schlechter regenerieren als in den Tropen. Wir haben also eine Verantwortung, nicht nur auf Brasilien und ähnliche Länder mit großen Regenwaldvorkommen zu verweisen, sondern auch selbst unsere Waldnutzung und unsere Waldbestände zu überdenken und Konsequenzen zu ziehen. Dabei ist Aufforstung eben oft nicht mehr, als die Anlage einer neuen Nutzholzplantage in Monokultur und die biologisch am wenigsten wertvollste Form von Bewaldung.

Besser als nichts, möchte man meinen, aber angesichts der nicht zu stoppenden Waldverluste auf dem Globus, sicher viel zu wenig ambitioniert.

Panikmache durch die Medien

Die Frage ist, ob die Fokussierung auf den Amazonas und die derzeit laufende Panikmache durch die internationalen Medien, die auch auf dem G7-Gipfel ihre Wirkung erzielt hat und zu Schnellschuss-Aktionen (20 Millionen Hilfe für Brasilien) gefürt hat, tatsächlich zielführend ist.

Man darf hier Zweifel haben, weil der Amazonas nur etwa zu 10% an der globalen Sauerstoffproduktion beteiligt ist und den größten Teil seines Sauerstoffes auch selbst wieder verbraucht. Das Bild einer Lunge ist also falsch. Wenn überhaupt, sind die Ozeane unsere Lunge, weil in ihnen die größten Sauerstoffmengen durch Algen produziert werden.

Aber die Vorstellung, dass die Lunge der Erde brennt, zieht eben.

Auch die Tatsache, dass Teile des Regenwaldes, meist des abgeholzten Regenwaldes, brennen, kann kaum genau quantifiziert werden. Von zwei- bis zwanzigtausend Quadratkilometern ist die Rede. Wie viel davon Regenwald ist und wie groß die brennenden Flächen tatsächlich sind, bleibt vage.

Live-Berichte, beispielsweise bei Bild-Online leiden stark darunter, dass die Reporter in Brasilen kaum in die brennenden Gebiete vordringen können und so eine dramatisierende Berichterstattung mit kleinen Feuern am Straßenrand betreiben, die sie möglicherweise sogar noch selbst inszeniert haben. Die Hysterie soll dabei erkennbar angeheizt werden und die Fakten sind relativ egal. Damit dient man dem Regenwald und unserem Klima nicht.

Waldverluste gibt es in jedem Jahr auf allen Kontinenten auch durch Brandrodungen oder extreme Dürre. Der Punkt ist, dass wirtschaftliche Krisenländer wie Braslien, aber noch viel mehr Afrika und Indonesien (wo es auch brennt) auf die Agrarexporte und die Tropenholzexporte (Indonesien) angewiesen sind.  Diese Wirtschaftszweige sind dort so essentiell, wie bei uns die Autoindustrie.

Schlecht, wenn man das eine für gut und das andere für böse erklärt, wie derzeit auf dem G7-Gipfel geschehen. Die Wut Bolsenarios ist dabei verständlich.  Entweder es gibt eine gemeinsame, globale Klimaverantwortung oder nicht. Wenn ja, sind wir Europäer und die Amerikaner diejenigen mit dem ausgeprägtesten, klimaschädigenden Verhalten und nicht die Brasilianer. Das gilt es zu berücksichtigen.

Also was wollen wir für die Umwelt tun, wenn sich die Aufregung über den Amazonas wieder gelegt hat? Wie verhindern wir, dass unser Plastikmüll via China und Afrika in den Ozeanen landet und dort zum Massensterben führt? Wie nutzen wir unsere Flächen nachhaltig und nicht mit Monokulturen, die hochsuventioniert in Afrika die Kleinbauern kaputt konkurrieren? Wie wollen wir unseren Flächenverbrauch, unseren ökologischen Fussabdruck verkleinern, der der größte der Welt ist? Wie schaffen wir eine Mobilitätswende, wie die Energiewende?

Klimaretter selbst unter Verdacht

Man muss auch an die Klimaretter in Europa und den USA die Frage stellen dürfen, warum ausgerechnet dieser Teil der Bevölkerung den ganzen Globus bereist, sich kosmopolitisch aufführt, die abefahrensten Touren in Naturschutzgebieten macht und damit prahlt, während das alles mit immensen globalen Umweltbelastungen verbunden ist, weil der Individualtourismus längst zum Massenphänomen geworden ist. Milliardenschwere Startups, wie “Getyourguide” aus Berlin beweisen den Boom des Individualtourismus und zeigen, dass längst nicht mehr die Massentouristen die “Bösen” sind.

Der Vorwurf eines neokolonialen Ökochauvinismus, den Bolsenario sinngemäß an Macron richtet, gilt tatsächlich für alle vielreisenden Weltretter und Ökotouristen, für die Politik, die immernoch die Probleme im Ausland sucht und für die meisten NGOs, die nichts anderes machen, als andere Länder zu infiltireren und dort auf ökologische Missstände verweisen, die bei uns leider erst recht bestehen.

Also bitte, was sollen zwanzig Millionen für Brasilien? Es geht um billionenschwere wirtschaftliche Zwänge, es geht um billionen Dollar Handelsüberschüsse, die wir mit umweltschädigenden Produkten erzielen.

Es geht tatsächlich um uns und nicht um die Braslianer. Wir sollten nicht davon ablenken.