Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Im Grunde war es das Militär, das nach dem ersten Weltkrieg ganz wesentlich zur Ächtung von Chemiewaffen beitrug. Die Erfahrungen aus den Chemiewaffenangriffen in den Schützengräben des Krieges hatten vor allem die Soldaten und Offiziere der Armeen aufgebracht. Eine Waffe, gegen die man nicht kämpfen kann, die aus einem Soldaten ein wehrloses Kind macht, das blind und mit verätzten Lungen herumirrt um dann qualvoll zu sterben, zerstört die Moral jeder Armee. Ein Tod ohne Kampf war ehrenrührig und genau das war der Grund, warum die Waffen 1925 in Genf geächtet wurden.

Selbst die Nazis haben die diversen chemischen Kampfstoffe, die sie besaßen, kaum eingesetzt und bezeichnenderweise haben sie ihr tödliches Gas hauptsächlich zur Vernichtung der Juden benutzt. Kein Zeichen von Humanität also, sondern viel eher eine Frage der militärischen Ehre und Moral. Alles andere nämlich, auch die schlimmsten Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung, war im zweiten Weltkrieg „erlaubt“.

Für die Ächtung der Chemiewaffen gab es vor allem militärische Motive

Wenn es schon hauptsächlich militärische und nicht humanistische Motive waren, die zur Selbstverpflichtung der „zivilisierten“ Länder führten, keine Chemiewaffen einzusetzen, muss man die Frage stellen können, ob solche lautlosen Killer vor denen Soldaten sich nur schwer schützen können, tatsächlich militärisch so nutzlos waren, wie behauptet?

Es gibt Zweifel.

Giftgas war als Terrorwaffe im ersten Weltkrieg extrem wirksam, wenn es darum ging, die Moral der Truppen zu untergraben. Giftgasopfer waren schrecklich anzusehen und der hysterische Warnruf „Gas“ hat in den Schützengräben zu panischen Fluchtreaktionen geführt. Denn Gasmasken schützten nur sehr begrenzt vor Sarin und anderen Nervengiften, allenfalls gegen Chlorgas „ die Wolke des Grauens“ konnte man sich notdürftig schützen, geruchs- und geschmacklose Kampfstoffe waren damals aber schon üblich.

Die deutsche Redewendung „jetzt wird es mir hier zu bunt“ was so viel bedeutet, jetzt hau ich aber lieber ab, bezieht sich auf das so genannte „Buntschießen“, mit dem Chemiegranaten gemeint waren, die je nach Inhaltsstoff farbig gekennzeichnet waren.

Die Wirkung von Chemiewaffen hat also vor allem die Kampfmoral betroffen und das war ein wesentlicher Grund für die Militärs, Chemiewaffen zu ächten.

Nach „Agent-Orange“ kehren seit den sechziger Jahren die Chemiewaffen, als die „Atomwaffen der kleinen Länder“ allmählich wieder zurück. Wenn Agent-Orange, das in Vietnam tonnenweise von den Amerikanern eingesetzt wurde, vor allem der Entlaubung von Urwäldern diente, wobei Kollateralschäden bei der Bevölkerung und dem Vietkong geradezu gewollt waren, hatte Saddam Hussein mit Chemiewaffen aus Deutschland bei den Kurden erheblichen Erfolg. Sein Giftgasangriff 1988 auf Halabdscha mit 70 000 Einwohnern, der sich gegen die Kurden im Norden des Iraks richtete, tötete knapp 10% der Bevölkerung ( vor allem Frauen und Kinder) und entzog damit den kurdischen Rebellen den Rückhalt in ihrer eigenen Bevölkerung.

Die Art der eingesetzten Kampfstoffe wurde später mit Senfgas, Sarin, Tabun und ein Kampfstoff vermutlich auf Zyanidbasis beschrieben. Alles deutsche Entwicklungen. (Wikipedia: Angriff auf Halabdscha)

Das war, unter den Aspekten der terroristischen Kriegsführung, ein voller Erfolg für den irakischen Diktator. Bereits ein Jahr zuvor hatte es Giftgasangriffe auf die iranische Stadt, Sardhast im Kurdengebiet gegeben.

Es zeigte sich bereits im Irak, dass Giftgasangriffe militärische äußerst effektiv sein konnten, weil sie die Basis der gegnerischen Truppen in der eigenen Bevölkerung und die Moral der Kämpfer schädigen. Wie sollte die Patriotische Union Kurdistans der eigenen Bevölkerung gegenübertreten, wenn sie diese in keiner Weise schützen kann? Der Krieg zwischen Iran und Irak, in dem die Kurden den Iran unterstützten, endete noch im selben Jahr (1988).

Chemiewaffen eignen sich vor allem als Terrorwaffen

So zeigte auch der kürzlich durchgeführte Chemiewaffen-Angriff auf das syrische Duma, das nahe der Hauptstadt Damaskus gelegen ist, den extremen militärischen Nutzen solcher Waffen. Mit einem einzigen Angriff, der eine zweistellige Zahl von Todesopfern, vor allem bei Frauen und Kindern, forderte, konnten die islamistischen Rebellen zum Abzug aus Duma gebracht werden. Einen Tag später verließen tausende von Kämpfern, in bereitgestellten Bussen, die Stadt.

Was wäre die Alternative für Assad gewesen? Wochenlange Häuserkämpfe in Ost-Gutha? Bomben und Raketen auf Damaskus (die Rebellen beschossen die Innenstadt und Assad beschoss Ost-Gutha und damit auch Duma). Eine zerstörte Hauptstadtregion?

Dann doch lieber Chemiewaffen, wird sich Assad gesagt haben und er hatte Erfolg damit.

Inzwischen rechnen alle Geheimdienste der Welt mit terroristischen Chemieangriffen

Es gibt wohl kaum einen Geheimdienst, der in letzter Zeit nicht davor gewarnt hat, dass Terroristen Chemiewaffen für Anschläge nutzen können. Der Islamische Staat hat nachweislich wiederholt Chlorgas im Kriegsgebiet eingesetzt. Assad, den man wohl getrost als Terrorkrieger, wenn auch nicht als Terroristen bezeichnen darf, hat das Problem der weitläufigen Tunnelsysteme in denen sich syrische Rebellen bewegten und vor Luftangriffen weitgehend geschützt waren, mit Chemiewaffen (in Form von speziell präparierten Fassbomben) gelöst. Die Gifte sanken in das Tunnelsystem ab und führten zu einer erheblichen Verunsicherung der Rebellen und der Bevölkerung, weiterhin auf ihre unterirdischen Schutzsysteme zu vertrauen.

Die Tunnelsysteme, die in unseren westlichen Ländern mit Chemiewaffen angegriffen werden können, sind vor allem unsere Untergrundbahnen. Vergleichbar mit Tokio 1995 können uns von Islamisten noch einige chemische Angriffe bevorstehen.

Die politische Wirkung von Giftgasangriffen ist dichotom

Sollte der Kreml tatsächlich hinter dem Novichok-Angriff auf die Familie Skripal in Salisbury stecken, sind wesentlich weitreichendere Überlegungen erforderlich, als ein paar diplomatische Sanktionen.

Denn die dichothome Wirkung von chemischen Kampfstoffen (Empörung und Ächtung in der Öffentlichkeit auf der einen und extreme Einschüchterung auf der anderen Seite) machen eine Abwägung erforderlich, die aber auch für den Einsatz von chemischen Kampfstoffen ausfallen kann.

Nehmen wir einmal an, zwischen Kreml und Lubjanka hätte man den Giftangriff auf Sergeij Skripal und seine Tochter sorgfältig kalkuliert. Was könnte man als gewollte und was als ungewollte Effekte auf die Waage gelegt haben?

Gewollt war sicher die einschüchternde Wirkung eines solchen Anschlages auf „russische Verräter“ über die Putin kürzlich sagte, sie mögen an ihrem eigenen Gift verenden und an den Silberlingen (dem Judaslohn) ersticken. Mit absoluter Sicherheit wird Skripal in Moskau als Verräter geführt, mit dem man noch eine Rechnung offen hatte, was sich auch aus Putins aggressiven Äußerungen kurz nach dem Agentenaustausch von 2012 (Skripal wurde auch ausgetauscht) ablesen lässt, den Putin selbst nicht vorgenommen hatte, sondern der damalige Präsident Medwedjew.

Gar keine Frage, dass für Putin und den Kreml, erst recht für die Geheimdienste, eine erhebliche Motivation bestand, Skripal zu bestrafen. Manchmal werden solche Leute auch dann als Opfer ausgesucht, wenn der Verrat in den eigenen Reihen Überhand nimmt (subjektiv oder objektiv), um ein Exempel zu statuieren.

Die politisch positive Wirkung des Attentates für Moskau geht aber noch weiter. Wer sich als Gegner Moskaus betrachtet und künftig Angst haben muss, die eigene Türklinke anzufassen, ist wirkungsvoll eingeschüchtert! Das gilt nicht nur für Agenten, sondern auch für abtrünnige Oligarchen, Medienleute und vor allem für Politiker. Man soll nicht vergessen, dass die englischen Tories erhebliche Spendeneinnahmen aus russischen Quellen haben. Egal ob diese Quellen vom Kreml gesegnet wurden oder nicht, Dürfte man sich danach durchaus als Verräter fühlen, wenn man trotz dieser Gelder massiv gegen russische Interessen vorgeht.

Viele Tories in England verhalten sich übrigens auch schon systemkonform im Sinne Russlands. Die BBC hat in den letzten Wochen einige Interviews mit Tories gebracht, die sich bei einer Vorverurteilung Russlands im Fall Skripal extrem zurückhalten.

Ob das Angst ist oder Vernunft, ist in einer solchen Situation immer schwer zu sagen.

Natürlich sind bei einer möglichen Giftattacke durch Russland auch erhebliche Nachteile für das Land zu erwarten. Auch das mögen die Initiatoren eines faktischen Chemiewaffenangriffes auf englischem Boden, so sie in Moskau sitzen, bedacht haben. Die Tatsache, dass die internationale Stimmung noch weiter gegen Russland kippt und es keinesfalls bei diplomatischen Reaktionen geblieben ist (auch die neuerlichen Wirtschaftssanktionen gegen russische Unternehmen durch Washington gehören dazu), könnte unterschätzt worden sein. Zugleich ist diese umgekehrte Cui-Bono-Überlegung ein gewichtiges Argument Moskaus, die Beteiligung am Attentat abzustreiten. Auch diese Überlegung könnte im Vorfeld bedacht worden sein.

Die Entscheidung für oder gegen eine Chemiewaffen-Attacke wird natürlich auch von einer internen Situation der betreffenden Regierung oder Institution mitbestimmt. Seit der Krim-Annexion ist bekannt, dass Putin nur noch im kleinen Kreis regiert und allen, die sich im äußeren Machtzirkel befinden, misstraut.

Das könnte den Ausschlag für den Angriff gegeben haben. Denn die Warnung, die vom Novichok ausgeht, wirkt natürlich auch in Moskau, wo man dann natürlich amerikanische Kampfstoffe einsetzten könnte, um „Verräter“ zu bestrafen. Inzwischen lässt sich eben nicht mehr alles mit Hilfe der politischen Justiz regeln, die schon ihre Mühe hat, Leute wie Nawalny ruhig zu stellen.

Der Aufbau eines unterschwelligen Bedrohungs-Szenarios könnte für den Ex-KGB-Agenten, Putin, also durchaus eine Option sein.

Am Ende ist diese Frage ungeklärt und wird es wohl auch bleiben. Die Tatsache aber, dass Chemiewaffenangriffe eben nicht wirkungslos sind und sowohl politisch, als auch militärisch einen erheblichen Nutzen mit sich bringen, lässt sich immer weniger übersehen.

Wir sollten uns darauf einstellen.