Putin 1

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Afrin: Russland verliert seine Unterstützer im Westen

Man staunt nicht schlecht, wenn man bei  Heise einen bitterbösen und zugleich extrem hellsichtigen Artikel über den russischen Imperialismus in Syrien liest. Putin wird darin vorgeworfen, dass er die Kurden in Afrin, deren Luftraum Russland bisher kontrollierte und auch schützte, an die Türken verschachert hat.

So etwas ist selten geworden, auf den kritischen Websites, die westliche Gegenöffentlichkeit darstellen und in der Vergangenheit häufig Partei für Russland genommen haben.

Der Kreml, der die Kurden erfolglos aufgefordert hat, sich im Rahmen einer begrenzten Autonomie Damaskus zu unterstellen, kann hierüber nicht glücklich sein. Denn Moskau baut seit Jahren darauf, dass die wirklich kritische Öffentlichkeit im Westen die alten Klischees, dass Washington gut und Moskau schlecht sei, über Bord geworfen hat. Stattdessen wird die westliche Propaganda gegen Russland angegriffen.

Jetzt aber macht Russland Propaganda gegen sich selbst!

Der verschwiegene Pakt mit einem Islamisten (Erdogan) gegen die Kurden, die man als tapferste und auch integerste Kriegspartei in Syrien auf dem Schirm hat, ist nicht nur unmoralisch, sondern schürt auch Ängste, dass Russland sich zum Schutzherren fundamental-islamistischer Bewegungen machen könnte. Nicht nur die Türkei, sondern auch der Iran machen hier Sorgen.

In der russischen Bevölkerung, die christlich orthodox oder zumindest im Sinne einer sozialistischen Mehrheitsgesellschaft geprägt ist, kann das nicht gut ankommen. Dort sind die schweren Attentate von Islamisten aus dem Kaukasus, die Russland in den letzten Jahrzehnten erleiden musste und der Tschetschenien-Krieg noch sehr präsent.

Sollte den Russen dämmern, dass Putin Islamisten unterstützt, könnte es ihn Beliebtheit kosten, mehr als die verfahrene innenpolitische Lage.

Russlands neues Spiel gegen die Kurden ist also nicht nur bei Unterstützern Russlands im Westen ein Affront, sondern auch ein Verrat an eigenen Anhängern in Russland, nicht zuletzt an der russisch orthodoxen Kirche und ihrem Oberhaupt und der großen Mehrheit der Russen, die den Islamismus verabscheuen.

Vielleicht hält sich der russische Präsident mit seiner eindeutigen Unterstützung, die er Erdogan, aber auch Teheran, im Kampf gegen die Kurden, einräumt, deshalb so bedeckt. Aber es lässt sich nicht verhindern, dass dieses neue imperialistische Russlandbild, das mal eben ein ganze Volk zur Verhandlungsmasse macht, in die Öffentlichkeit sickert.

Gut sieht das alles nicht aus!

Fairerweise muss man allerdings auch die Halsstarrigkeit der Kurden erwähnen, die weiterhin davon ausgehen, mit den USA als Verbündeten, einen eigenen Staat, der vom Nordwesten Syriens bis zum Nordosten des Iraks reichen könnte, durchzusetzen. Vor allem die Unnachgibigkeit der YPG hat den Einmarsch der Türkei erst möglich gemacht. Nun rudert man in Afrin bereits zurück und akzeptiert militärische Unterstützung aus Damaskus. Das hätte man auch früher haben können, wenn man vernünftig verhandelt hätte. Die USA scheinen tatsächlich keinen Finger für ihre angeblichen Verbündeten zu rühen.