Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Mag ja sein, dass Julian Assange, der seit Jahren in einem kleinen Zimmer in der Botschaftswohnung von Ecuador in London festsitzt, ein Fan von Donald Trump ist. Glauben tun das aber die wenigsten.

Viel wahrscheinlicher ist, dass Assange, der sich nicht vor einer vergleichsweise harmlosen Ermittlung in Schweden fürchtet, sondern vor einer Auslieferung in die USA, wo er als Spion angeklagt werden könnte, mit der demokratischen US-Administration unter Obama noch eine Rechnung offen hatte, die er nun begleicht.

Die Medien kolportieren dabei ganz gern die Theorie, dass Assange im amerikanischen Wahlkampf mit den Russen zusammen arbeitet (auch die haben noch eine Rechnung offen), aber auch diese Behauptung der amerikanischen Demokraten hat ihre Schwächen. Denn, wenn die Mails des Wahlkampfchefs Podesta und des DNC über die Russen zu Wikileaks gekommen sind, zeigt dies, eher, dass russische Geheimdienste den ausgeprägten Informanten-Schutz den Wikileaks gewährleisten kann, gern für sich in Anspruch nehmen. Es zeigt keine Unterstützung von Assange, eher würden sie Wikileaks dann für ihre Zwecke benutzen.

Am Ende aber scheint die gesamte Whistle-Blower-Organisation auf ein Ziel ausgerichtet zu sein, die Auslieferung ihres Gründers und ihrer wichtigsten Symbolfigur an die USA zu verhindern. Zu diesem Zweck hat Wikileaks jetzt den Amerikanern ganz gewaltig die Pranken gezeigt. Wenn Trump die Wahl doch noch gewinnen sollte, dann wegen Wikileaks und dem derzeit, auf Betreiben der Amerikaner, vom Internet getrennten Julian Assange.

Die angenehme Folge für Assange könnte sein, dass die Amerikaner hinter den Kulissen, den Schweden und Engländern den Auftrag entziehen Assange juristisch zu verfolgen, um auf diese Weise eine Auslieferung in die USA möglich zu machen. Das wäre so gut wie eine Amnesty für den Journalisten. Offen würde Trump Assange natürlich niemals rehabilitieren – oder? Man darf gespannt sein. Denn Trump steht dem Sumpf den er trocken legen will, womit er die Demokraten und auch große Teile der Republikaner neokonservativer Provenienz meint, so feindlich gegenüber, dass er Assange sogar für seine Aufklärungsarbeit danken könnte – auch als Präsident.

In jedem Falle aber hat Assange gezeigt, dass er Wahlen der Supermacht beeinflussen kann, sogar wenn er quasi inhaftiert in einem kleinen Zimmer ohne Internet darben muss.

Eigentlich ist das sensationell!

Ein kleiner australischer Whistle-Blower schubst die führende amerikanische Partei ins Desaster und führt ihre Spitzenkandidatin als korrupte War-Lady in der Weltöffentlichkeit vor. Nicht einmal, sondern kontinuierlich und nachhaltig.

Wenn Assange eine Rache für seine Einzelhaft, die nun bald fünf Jahre andauern wird, haben möchte, dann hat er sie in dieser Woche in ihrer vollen Süße bekommen. Denn schlimmer kann es für Clinton zwar noch kommen, wenn sie tatsächlich die Wahl verlieren sollte. Aber die Demütigung in der Öffentlichkeit als korrupteste Präsidentin ins Amt gewählt worden zu sein, ist ihr gewiss, zumal das FBI nach ihrer Wahl mit den Ermittlungen nicht einfach aus Freundlichkeit aufhören kann.

Für alle, die noch einen Funken Anstand im Leib haben, ist diese Woche keine schlechte Woche, denn die Wahrheit bleibt auch dann noch wahr, wenn sie gegen die Interessen unserer allgegenwärtigen „einzigen Weltmacht“ verstößt. Das konnte Wikileaks inzwischen ebenfalls beweisen.

Ob wir auch einen „Super-Tuesday“ in diesem Sinne erleben werden, das entscheiden die amerikanischen Wähler, die ebenfalls zum großen Teil die Nase voll vom amerikanischen Imperialismus zu haben scheinen.

Wir werden sehen.

Schöne Grüße an Julian, der gerade offline ist. Vielleicht kann es ihm jemand ausrichten?