Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Irgendwas läuft falsch in unserer Gesellschaft, wenn wir uns nicht mehr aus eigener Kraft vermehren können.

Die relative Kinderlosigkeit, mit der wir jetzt seit dem Pillenknick leben, wird dabei nicht besser, sondern endet in einer “Lichtaus-Mentalität”, in der wir uns gar nicht mehr vorstellen können, die Familien als Quelle unseres Lebens zu reaktivieren. Schwarzer Humor ist angesagt: „Der Letzte macht das Licht aus.“

Wer in Zeiten der kulturellen Umbrüche der sechziger, siebziger und achtziger Jahre aufgewachsen ist, erlebt den fortschreitenden Zerfall von Familien als Ausdruck von Individualität, Emanzipation und ökonomischer Zwänge, vielleicht sogar als Zwangsläufigkeit, ist zumindest daran gewöhnt. Erst jüngst hat eine Studie ergeben, dass selbst junge Eltern viel Verständnis für diskriminierende Arbeitgeber aufbringen, die Mitarbeiterinnen mit kleinen Kindern scheuen, wie der Teufel das Weihwasser.

Pillenknick, Karriereknick, Geburtenrückgang und der Megatrend zur Feminisierung, wie passt das zusammen? Östrogene im Trinkwasser und die Männer werden immer weiblicher, die Frauen nicht. Gleichzeitig gebären uns Einwanderer aus autoritären Gesellschaften in Grund und Boden. Eine neue Studie des Pew-Research-Center in Washington rechnete den Anteil unsrer muslimischen Bevölkerung im Jahr 2050 hoch und kam auf 20%. Aber selbst, wenn man von einer „Nullzuwanderung“ ausgehen würde, wären es immer noch fünfzig Prozent mehr, als heute, also über 9%.

Alles klar?

Die kriegen Kinder, wir nicht. Die haben große Familien, wir nur noch im Ausnahmefall. Haben wir die falsche Religion? In der Bibel heißt es doch: „Seid fruchtbar und mehret Euch.“

In Japan, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt ist Sex auf Naturbasis ein Auslaufmodell unter jungen Leuten. Besonders junge Frauen wollen nicht mehr und junge Männer wissen überhaupt nicht, was sie während eines eventuellen Beischlafs mit ihrem Smartphone machen sollen. Kurz der Sex in Tokio steht kurz vorm Erliegen.

Folge der ökonomischen Ausbeutung von Sexualität?

Das Familien-Narrativ unserer Gesellschaft ist reine Abschreckung

Sehr wahrscheinlich liegt der Hase in einem ganz anderen Pfeffer.

Jemand hat mal gesagt, dass Sex die schönste Nebensache der Welt sei. Allerdings mit Betonung auf Nebensache, die man nicht zur Hauptsache erklären sollte.

Was Familien heute fehlt, ist wohl nicht der Sex, sondern die Perspektive. Wenn überhaupt jemand im gebähr- und zeugungsfähigen Alter darüber nachdenkt, was nach ihm kommt (nicht nach mir die Sintflut) fehlt immer noch die Perspektive. Bis auf die gesellschaftliche Schicht der Besitzenden, gemeint sind die oberen zehn Prozent der Familien, kann sich heute niemand mehr vorstellen, dass die eigene Familie Generationen überdauern könnte. Ein Denken, das bei den Quandts und den Rothschilds selbstverständlich ist, zieht bei Marco Müller nicht mehr, wenn es denn jemals gezogen hätte. So erhalten und vermehren sich die besitzenden Familien, wie die Moslems. Alles darunter gibt sich der Beliebigkeit preis.

Vielleicht hat das ja etwas mit der unterschiedlichen Lebenseinstellung von Produzenten und Konsumenten zu tun, vielleicht ist uns auch nur der Existentialismus dazwischen gekommen, aber sehr wahrscheinlich endet die viel beschriebene Kinderlosigkeit der Akademiker-Frauen und die Armut an Kindern, nach oben hin, genau an der roten Linie, oberhalb derer es etwas substantielles zu vererben gibt. Unsere Oberschichten sind soziologisch schlecht untersucht, so dass man hier nur spekulieren kann. Aber Erben sind besonders dort gewünscht, wo etwas über Generationen aufrechterhalten werden muss. Wo das nicht der Fall ist, wird das Leben eher als Konsumartikel begriffen: Ex, hopp und weg.

Es macht also keinen Sinn, den emanzipierten Frauen, den profitsüchtigen Arbeitgebern und den Östrogenen im Trinkwasser die Schuld zu geben. Junge Frauen wollen häufig Kinder, sie scheren sich dabei oft nicht um den Karriereknick und finden das Arbeitsleben sowieso nicht so prickelnd. Die Männer sind auch heute noch zeugungsfähig und eher interessierter als vor dreißig Jahren, eine Familie zu gründen.

Entscheidend, ob man ernst macht oder nicht, ist die Erwartung an die Zukunft!

Hier kommen eine ganze Reihe gesellschaftlicher Narrative ins Spiel, die unseren Familien den Garaus machen.

Die globale Bevölkerungsexplosion wird dabei durchaus persönlich genommen, Klima- und Umweltzerstörung mit Sicherheit erwartet und nationale Auflösungsprozesse werden für sicher erachtet, ohne zu bemerken, dass es sich dabei, ebenso wie beim Aussterben der Deutschen oder der weißen Europäer um gesellschaftliche Mythen handelt, die ihre Wirkung vor allem durch den Fluch der selbsterfüllenden Prophezeiung entfalten.

Wer schön negativ denkt, was sich auch auf die schwarze Zukunft unserer sozialen Systeme bezieht, gründet mit Sicherheit keine Familie. Hauptverbreiter dieser Mythen sind die so genannten progressiven gesellschaftlichen Kräfte und die Medien. Katastrophen verkaufen sich halt gut, auch wenn sie erst herbeigeredet werden müssen. Die Tatsache, dass unsere Medien überwiegend links sind, ist da auch nicht hilfreich. Eine Umfrage an 1500 Teilnehmern von Journalistik-Schulen ergibt dann auch, dass dort Anhänger der Grünen mit über 35% hoffnungslos überrepräsentiert sind. Die SPD-Anhänger sind mit 22% angemessen, aber die christlichen Vertreter der Unionsparteien mit 8,7% völlig unterrepräsentiert.

Was machen diese Leute also vermutlich?

Genau, sie schmücken die grünen Narrative weiterhin deftig aus und laden zum Weltuntergang ein, während der größte Teil der Gesellschaft eher dazu tendiert, den Grünen die Tür zu zeigen.

Umgekehrt sind zukunftsweisende Narrative, in denen Familien noch vorkommen, Mangelware in den Medien.

Wenn Generationen von Eltern ihren Kindern davon abraten, Kinder zu bekommen und sich dann, wenn es bei den Kindern gefunkt hat, rarmachen, weil sie selbst mit Down-Aging beschäftigt sind, dem neuen Hedonismus der Generation sechzig plus, dürfte dem Nachwuchs der Glaube schwinden, etwas sinnvolles zu tun.

Dieser generationelle Partikularismus wird vor allem durch die alt gewordenen 68er praktiziert, die mit Oma- und Opa-Rolle nichts mehr zu tun haben wollen und sich, wie eh und je ihren Verpflichtungen verweigern. Eine katastrophale Generation für unser Land, die als geburtenstarke Jahrgänge geprägt wurden und seitdem ausschließlich damit beschäftigt sind, die eigene Einzigartigkeit zu behaupten, wozu eben auch die grundpessimistische Ablehnung von Familien gehört, eine Einstellung, die nach wie vor in Politik und Gesellschaft hoffähig ist.

Deutschland ist besonders durch die Auflösung der Familien betroffen

Natürlich hat unser Land große Brüche erlebt, die gewaltig an unseren Familien-Narrativen genagt haben und das Gute ins Negative wendeten. Dabei ist nicht nur der Missbrauch des Familienbildes im Nationalsozialismus gemeint, sondern auch die Diskreditierung der Familie in der Kulturrevolution der Sechziger und Siebziger. Auch der real existierende Sozialismus in der DDR hat die Idee von intakten Familien lieber einer staatlich gesteuerten Anzucht von Sozialisten geopfert (eine Idee, der heute noch Teile der SPD und der Linken nachhängen). Schließlich hat der Mauerfall einen beispiellosen Prozess der Delegitimierung der östlichen Hälfte der deutschen Bevölkerung eingeleitet, die seitdem vor der Wahl stehen, die eigene Vergangenheit (auch die der eigenen Familie) in der DDR offiziell schlecht zu finden, also in die innere politische Emigration zu gehen, oder aber als demokratisch anrüchig zu gelten.

Die aktuellen Gräben und Brüche in unserem Land ziehen sich dabei auch durch viele Familien und sind auf keinen Fall hilfreich, ein positives Familienbild bei den Deutschen zu fördern.

Vielleicht ist es zu viel gesagt, die derzeitige massive Spaltung unserer Gesellschaft, die sich auch in einer Verschiebung des politischen Spektrums nach rechts außen zeigt und der linken bürgerlichen Mitte zunehmend die Machtbasis entzieht, auf den sorglosen gesellschaftlichen Raubbau an den Familien zurückzuführen.

Aber wenn man die Befunde zusammenfasst, ging alles, was wir in den letzten sechzig Jahren an politischen Entwicklungen erlebt haben, gegen diese wunderbaren Keimzellen unseres sozialen und kulturellen Seins.

Warum, fragt man sich?

Ist der Befund in Wirklichkeit, dass den Deutschen, nach dem Nationalsozialismus, der familiäre Teil der gesellschaftlichen Verantwortung verloren gegangen ist?

Wie auch immer, darf sich niemand wundern, dass unseren Nachbarn im Westen, den Franzosen und erst recht im Osten, den Polen, unser gesellschaftlicher Weg nicht geheuer ist. Die Franzosen wehren sich gerade gegen die Durchökonomisierung ihrer Gesellschaft nach dem Muster der Agenda 2010, während die Polen in der Mehrheit nationalkonservativ geworden sind.

Trotz Merkel tun wir uns offensichtlich schwer, unseren Nachbarn eine gesellschaftliche Krankheit als Fortschritt zu verkaufen.

Sie glauben es uns immer weniger!