Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Der Kern der Bilderberger Idee ist der Zynismus gegenüber den Völkern, während man sich an ihrer Machtlosigkeit ergötzt

Natürlich kann man einfach wieder über die, sich in Dresden jährende Bilderberger-Konferenz ablästern. Dabei sind diesmal Schäuble, De Maiziere und von der Leyen. Vor einigen Jahren bestätigte uns allerdings Jürgen Trittin, der ebenfalls zu Gast bei Bilderberger war, dass es dort keine Verschwörung gibt.

Punkt.

Also gönnen wir unseren gewählten Vertretern ab heute eine politische Privatsphäre? Seltsame Vorstellung. Die lassen sich von den Bürgern ihrer Länder wählen und treffen sich dann „unter Drei“(Geheimhaltungsmodus, in dem zwar über Inhalte berichtet werden darf, aber keine Personen zitiert werden dürfen) mit den Konzernlenkern der Welt, einflussreichen Strippenziehern der Politik und den Spitzen der internationalen Medien.

Alles ganz privat und hat nichts mit uns zu tun. Wir sind quasi außen vor, wenn auch nicht thematisch. Es geht nämlich um uns. Cyber-Security und Flüchtlingsströme, Russland und EU, China, Mittlerer Osten und um das Präkariat und die Mittelklasse, zwei bedrohte Arten, möchte man meinen.

Themen sind politisch brisant

Wer solche Themen auf die Tagesordnung setzt und sie eisern unter Ausschluss der Demokratie bespricht oder gar verhandelt, dafür noch gewählte Politiker, die sich hinterher aufs Schweigen verpflichten müssen, einlädt, der will entweder provozieren oder beherrschen oder beides. Vielleicht wollen die Damen und Herren auch nur mal in aller Ruhe ihre Zynismen austauschen? Wie erhöht man die Säuglingssterblichkeit in Indien, um die den Subkontinent von dem Aufstieg zur Weltmacht abzuhalten? Oder wie kann man die Deutschen dazu bringen, dass sie endlich mal von ihrem übertriebenen Moralverständnis Abstand nehmen, das jeder vernünftige Wirtschaftsmanager schon längst für einen Anachronismus hält? Geht es durch noch mehr Ungleichheit (Desensiblisierung) oder muss man das Land tatsächlich islamisieren und damit durch religiös geprimte Untertanen von allzu viel Demokratiewillen abbringen?

Zum Prekariat fällt einem auch auf Anhieb eine ganze Menge ein, was die Bilderberger so in Champagnerlaune planen könnten. Beispielsweise emotionale statt intellektuelle Intelligenzförderung, wie sie schon an vielen Schulen praktiziert wird. Damit bekommt man anpassungsfähige Servicekräfte, die nicht viel denken und Befehle ausführen oder auch Wünsche erfüllen. Ein echter boomender Markt, kann man nur sagen. Zuviel Denken schadet denen nur. Die amerikanischen Neger-Sklaven wurden ja auch erst rebellisch, als man ihnen dummerweise die Freiheit gegeben hat. Vorher waren sie nett, musikalisch und immer freundlich.

Die Mittelklasse könnte man zumindest zu einer Intelligenz zweiter Klasse zulassen. Das Bildungssystem sollte sich darauf einstellen, dass wir in Deutschland und Europa vor allem technische Intelligenz brauchen. Keine kleinen Philosophen, sondern viele Schmalspur-Ingenieure, die den deutschen Mittelstand bei seinen zunehmend komplizierter werdenden Maschinen dienen. Auch technische Intelligenz im Verwaltungs- und kaufmännischen Bereich wäre so ein Bildungsziel. Alles, nur keine echte Reflexionsfähigkeit. Das macht den Mittelstand nur rebellisch und sozioökonomisch Inkompatibel. Also auch hier eine Herausforderung für das Bildungssystem. Nicht zu viel, aber gerade die richtige Bildung. Das schafft gesellschaftliche Kohärenz und ökonomische Prosperität.

Als Drohung bei mangelndem Bildungswillen in diesem Sinne kann man den Abstieg ins Prekariat medial noch stärker an die Wand malen oder aber die hoffnungslose Bedeutungslosigkeit, wenn einzelne plötzlich Soziologie oder gar kritische Psychologie, Germanistik oder Philosophie studieren. Intellektuelles Prekariat ist noch viel schlimmer, als das proletarische Prekariat.

Den Zynismen der Bilderberger sind keine Grenzen gesetzt, denn, wer sich draußen verplappert, wird nicht mehr eingeladen, gehört wohlmöglich nicht mehr dazu. Dann allerdings, wenn man nicht mehr gezielt von den Medien hochgeschrieben und der Wirtschaft finanziert und mit Beziehungen versehen wird, droht der Status des elitären Prekariates. Eine Klasse von Menschen in unserer Gesellschaft, die dann psychosenahe Verschwörungstheorien entwickelt, weil sie den eigenen Absturz nicht aushält. Aber zum Glück haben wir ja unsere Medien, die sofort Verschwörungstheorie rufen, wenn einer zu nah an die Wahrheit kommt.

Kennt noch jemand die armen Politiker und ehemaligen Journalisten, die heute nur noch bei Russia Today publizieren können?

Genau. Womit wir beim Thema Russland wären.

Hinter vorgehaltener Hand ist Russland der heißeste Kandidat für eine Versöhnung der Eliten. Warum? Weil das Land wirtschaftlich sturmreif geschossen wurde. Darum ging es ja bei den Sanktionen. Nun will man auf Putin zugehen und ihm in etwa vermitteln, dass man gegen seine Form der Diktatur eigentlich gar nichts einzuwenden habe, wenn er wieder ausländische Konzerne auch angelsächsicher Provenienz  ins Land lässt und ihnen den russischen Markt öffnet. Dann könnte Putin in kürzester Zeit von den westlichen Medien wieder als lupenreiner Demokrat bezeichnet werden. Denn darum geht es ja schließlich in der Demokratie. Man würde ihm dann vielleicht sogar die Krim legitimieren, wenn er endlich begreifen würde, was im Westen mit Demokratie gemeint ist. Die wirklich Mächtigen der Wirtschaft rechtlich bei ihren Investitionen abzusichern und das eigene Volk in deren Fabriken schicken mit angemessenen Arbeitsmarktgesetzen natürlich. Putin könnte den Rubel wieder Rollen sehen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er bei den Bilderbergern eingeladen wird.

Das wäre dann auch das Zeichen gegen die Chinesen, das man gesucht hat. Die haben zwar das Spiel mit der ökonomischen Demokratie mitgespielt, aber waren dabei etwas zu gut und sind nun etwas zu mächtig. Mit den BRICS scheint ein neuer Block zu entstehen, den man lieber früher als später sprengen sollte. Die Rohstoff-Deflation ist hier ein schönes Mittelchen, das aber nicht ausreicht. Die Russen von den Chinesen zu trennen und in den westlichen Schoß zurückzuziehen, wäre da noch effektiver.

Am Ende könnte man sich dann auch noch darauf einigen, den Iran als „verschleierten Kapitalismus“ zur Garantiemacht im mittleren Osten aufzubauen. Ohne Atomwaffen ginge das und wenn das Land ausreichend verwestlicht ist, könnte man vielleicht auch über Atomwaffen reden, aber da, sinnieren die Bilderberger, führt im Augenblick noch kein Weg hin.

Vielleicht sind das ja nur Phantasien. Allerdings spielt das keine Rolle, denn der Geist aus dem solche globalen Machtphantasien entstehen, findet ohne die beteiligten Völker statt. Das genau ist die Idee der Bilderberger.