Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Philosophie und Religion der Digitalisierung

Haben Sie heute schon im Dreck gewühlt, Erdmassen von einem Haufen zum anderen bewegt? Mit den eigenen Händen natürlich, bewaffnet nur mit einem Spaten?

Das machen heute viele Leute in ihrer Freizeit!

Das Arbeitsleben gibt solche Tätigkeiten kaum noch her. Wer qualifiziert ist, hat keine Schaufel mehr in der Hand. Bestenfalls hacken die manikürten Finger auf einer Tastatur herum.

Schöne neue Arbeitswelt. Produktivität findet vor allem im Kopf statt, den Rest übernehmen Maschinen.

Wie aber, wenn auch die Produktivität nicht mehr im Kopf, sondern in Systemen künstlicher Intelligenz stattfindet! Einschließlich der Vernetzungen und Schnittstellen zur Welt, die dafür erforderlich sind und der Entscheidungen, die getroffen werden müssen.

Dann greift man sich doch besser seinen Spaten und geht in den Garten.

Hegel schrieb einmal: „Die Idee ist nichts.“

Man möchte ergänzen: „Die Tat ist alles.“

Tatsächlich wollte der Philosoph der Aufklärung auf das „Konkrete“ hinaus, das sich permanent im Werden befindet. „Das Wahre ist das (sich entwickelnde) Ganze“. Die Natur macht den Menschen gewissermaßen vor, was Produktivität ist und vor allem, was der Sinn der Produktivität sein könnte. Die Selbstvergewisserung im Konkreten. Ohne das ist der Geist ein „Knochen“.

Wir brauchen die Arbeit also im unmittelbaren existenziellen Sinne.

Die Frage, die man sich angesichts der Digitalisierung 4.0 unweigerlich stellt, ist die, ob Menschen bereit sind, diese Entwicklung produktiv voranzutreiben, mit der sie ihren wichtigsten Spielplatz, die Arbeit, aus den Händen geben?

Die Antwort ist: „Ja“.

Menschen tun schon immer das, was man ihnen vorschreibt und die Machtvertikale existiert auch in der schönen neuen Welt der Digitalisierung. Freiheit, Liberalismus und Individualismus haben daran nichts geändert.

Warum also darüber nachdenken?

Heerscharen von Unternehmensberatern versuchen derzeit die Anforderungen der Digitalisierung mit den Bedürfnissen der Menschen zu verbinden, um motivierende Begründungen für die tiefen Einschnitte zu finden, die diese Entwicklung in unserer Art zu arbeiten hinterlassen wird.

Digital zu werden, bedeutet, große Mengen von Arbeitsschritten und ganze Prozesse an Computer zu delegieren und dann bestenfalls die Fütterung zu übernehmen, schlimmstenfalls die Reste zu verwalten, die von der künstlichen Intelligenz noch nicht verwertet werden können. Persönliche Kundenkontakte, Kaffeekochen und vor allem Probleme melden (hauptsächlich an die IT-Abteilung, die alle Hände voll zu tun hat).

Wenn die Sache läuft, dürfen wir nachhause gehen. Die Vorstufe davon haben wir schon, wenn wir im Home-Office in eine Cloud (übersetzt Wolke) hinein arbeiten.

Nach Hegel dürften wir unsere Produktivität auf keinen Fall aus den Händen geben, wenn wir unsere „geistige Entwicklung“ fortsetzen wollen. Hegel wusste noch nichts von Digitalisierung, was im eigentlichen Sinne nichts anderes ist, als die Welt in einen binären Code aus Einsen und Nullen umzuwandeln, die dann in einer Parallelwelt (der Digitalen) prozessiert werden. Aber Hegel wusste, dass der Mensch auf dem Weg zum Weltgeist ist, der das Ganze und damit sich selbst realisieren möchte, Produktivität als Mittel für diese Entwicklung nutzt.

Was wir aber heute machen, ist etwas ganz anderes.

Wir kreieren einen neuen Gott, der uns unsere Probleme abnehmen soll, uns in Wirklichkeit aber von den Wurzeln unseres Wachstums trennt, unmündig macht und hilflos.

Gemeint ist die Digitalisierung 4.0, die plötzlich kein Mittel mehr ist, ein angestrebtes Ziel zu erreichen, sondern Selbstzweck!

Wohl dem der dann einen Garten hat, wo er Erdhaufen von der einen Seite zur anderen bewegen kann, um sich selbst noch spüren zu können.

Das Wort „Entfremdung“ ist eigentlich ein Begriff aus den Zeiten der Industriearbeit, aber er verfängt auch hier und heute.

Aber jammern wir nicht! Betrachten wir die Sache ökonomisch!

Wo bleibt eigentlich all die schöne Arbeit, die wegdigitalisiert werden soll? Da haben wir schon Erfahrung.

Für den Profit ist ein angenehmer Begleiteffekt der Digitalisierung, dass ein Teil der Arbeit an den Kunden abgetreten und somit eingespart werden kann. Denn wer liefert die fertigen Datensätze für das Unternehmen? Richtig, der zahlende Kunde!

Das gilt nicht nur für Bestellungen, sondern auch für Finanzdienstleistungen, bei denen Kunden sogar den Kern der Dienstleistung (Eingabe, Validierung und Prozessierung der Transfers) selbst übernimmt, für Behörden und neuerdings in Supermärkten auch an der Kasse, wo Kunden die Waren selbst einscannen und bezahlen.

Das schafft Profite durch Einsparung von Arbeitskosten und viel unbezahlte Arbeit für die Kunden dieses Systems!

IT-Spezialisten sind die neuen Priester der Digitalisierung

Die Arbeit wird aber auch andernorts verlagert. Beratungsunternehmen, die traditionell darauf spezialisiert sind, Menschen zu beeinflussen, werden, schon heute deutlich erkennbar, durch IT-Spezialisten ersetzt. Wenn die digitale Maschine der Gott ist, dann sind die IT-Spezialisten die neuen Priester, die den Zugang zu den Tempeln (alter Begriff für Server) unserer Religion haben. IT-Spezialisten verstehen sich allerdings oft besser auf den Kontakt mit Maschinen, als mit Menschen, sind dafür aber echte Multiplikatoren von Produktivität. Eine einzige Systemumstellung, wenn sie gut gemacht ist, wirkt sich vielleicht tausendfach auf den produktiven Prozess aus und kann Profite multiplizieren.

IT-Spezialisten sind auch der globale Faktor der Zukunft schlechthin. Denn sie sprechen in China und den USA, in Grönland und Südafrika die gleiche Sprache, sind also zur Kooperation befähigt, wie damals, während der Renaissance, als die Welt entdeckt und aufgeteilt wurde, die Priester der katholischen Kirche überall auf dem Globus, weil sie die gemeinsame lateinische Kirchensprache hatten.

Ein elitärer Faktor, auf den wir uns einstellen müssen, weil nun einmal nur wenige Menschen IT-Spezialisten sein können, somit auch nur wenige Menschen die digitale Welt verstehen können.

Wir sind also viel mehr, als zuvor auf Deutungen der Welt angewiesen, die uns die digitalen Priester liefern werden. Diese wissen um unsere Abhängigkeit und werden langsam immer selbstbewusster.

Die Digitalisierung erzeugt neue gesellschaftliche Deutungen, die uns in die digitale Zukunft führen sollen.

Die Behauptung, dass Menschen in einer Machtvertikale alles tun, was von ihnen verlangt wird, bewahrheitet sich auch in der Unterstützung für unsere gesellschaftlichen Perspektiven im Zeitalter der Digitalisierung.

Die Klimakrise einmal anders betrachtet

Venedig steht unter Wasser, ein neuer Beleg für die Klimakrise und der Bürgermeister beantragt bereits Hilfe für Klimaopfer in der Lagunenstadt. Das Wasser steht in diesem Jahr fast so hoch, wie im Jahr 1966, als die bislang schlimmste Hochwasserkatastrophe weite Teile der Stadt schwer beschädigte.

Moment mal? 1966? Das war doch die Zeit, als das Klima noch nicht so rasant wärmer wurde, wie heute.

Egal. Klimazweifler und Klimaleugner haben bei uns, zumindest in den Wohlstandsländern, keine Chance mehr, denn der Klimawandel ist ein Dreh- und Angelpunkt, der einfach gebraucht wird.

Für jeden Zukunftsforscher ist der Klimawandel der ideale Treiber, der alles beeinflusst, sich selbst aber kaum beeinflussen lässt. Das bedeutet dass es sich um einen rein aktiven Treiber handelt, der selbst kaum getrieben wird. Der Klimawandel ist also die Konstante um die sich alle Entwicklungen gruppieren müssen, er schreite voran und erzeugt dabei die notwendige Entwicklungsdynamik.

Der Abschied von Emissionen ist dabei gleichbedeutend mit der disruptiven Entwicklung der Digitalisierung, da diese den Weg für alle emissionsfreien Technologien bahnt und das Versprechen enthält, fossile Energieträger entbehrlich zu machen. Elektroautos werden rollende Computer sein und ganze Produktgruppen können zukünftig, mittels 3D-Technik, vor Ort ausgedruckt werden. Nur noch die Datensätze werden dafür um die Welt reisen, was praktisch emissionsfrei ist.

Der Klimawandel ist also die perfekte Vorlage für die Digitalisierung unserer Welt!

Natürlich stößt der Klimawandel derzeit ganze Branchen in die Krise. Aber wer diese Vorlage in Frage stellt oder bezweifelt, der vergeht sich an der Digitalisierung und mittelbar an all dem, was die Menschen für „unsere Zukunft“ halten.

Argument für den Klimawandel gibt es eigentlich nur, gegen den Klimawandel gibt es kein einziges Argument. Denn rund um den Erdball wird in den Massenmedien jedes einzelne Wetterphänomen mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht.

Das gute an der Klimaerwärmung ist, dass sie selbst, nur statistisch erfasst werden kann und sich in zunehmenden Durchschnitttemperaturen ausdrückt. Alles andere an Wetterphänomen, lässt sich an einer derart abstrakten Idee (sie ist nichts, wie Hegel es ausdrückte) wunderbar festmachen, auch wenn es sich zumeist um unzulässige Analogieschlüsse handelt. Aber wer liest heute noch die Philosophen der Aufklärung?

Wer weiß überhaupt noch, was ein Analogieschluss ist. Vielleicht wissen das ja inzwischen die Maschinen?

Analoge Assoziation:

Die intelligenten Maschinen haben wir übrigens inzwischen auch im Garten, damit die Freizeit nicht zu unnötiger Produktivität verleitet. Der Mähroboter mit eigener Hundehütte ist so ein Beispiel. Werden wir in Zukunft auch unsere Freizeit vor dem Computer verbringen?

Wieso in Zukunft? Ist doch schon so.

Wohl dem, der sich noch zwei Dreckhaufen in seinem Garten erhalten hat und diese von Zeit zu Zeit hin und her bewegen kann. Mit den eigenen Händen von der einen zur anderen Seite und wieder zurück, um sich noch zu spüren und das Wesen der eigenen Produktivität.

Die Digitalisierung jedenfalls ist geeignet, uns alles aus den Händen zu nehmen. Also halten Sie ihren Spaten fest umklammert und geben Sie ihn nicht her! Sie werden ihn brauchen!