Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Brexit. Die Briten geben vielleicht gar nicht den Zugang zu einem funktionierenden, europäischen Binnenmarkt auf. Vielleicht ziehen sie nur die Konsequenzen aus einem Binnenmarkt, der nicht funktionierte?

John war der einzige Händler, der auf meine Mail geantwortet hat. Er verkauft Autos und Objekt der Begierde ist ein UTV aus China, das die Briten umbenannt und etwas aufgepeppt haben. In dieses Fahrzeug war ich sofort verliebt.

Das Problem ist, dass ich als Privatmann die deutsche Mehrwertsteuer dafür bezahlen muss und viele britische Händler auf ihre Mehrwertsteuer nicht verzichten wollen. Denn sie müssen nach dem Kauf den Export des Fahrzeugs gegenüber dem britischen Finanzamt eventuell nachweisen können.

So ein ewiges Konstruktionsproblem in der EU, das den Kauf von Fahrzeugen über Ländergrenzen hinweg erschwert, vielleicht auch erschweren soll.

Überhaupt! Hätten wir in der EU einen funktionierenden Binnenmarkt, könnte es diese wahnsinnigen Preisunterschiede für Neuwagen nicht geben, denn dann würde jeder mit jedem konkurrieren.

Haben wir aber nicht!

Die EU ist eben doch kein echter Binnenmarkt.

John, hat sein Geschäft unweit von Dover und muss wohl schon öfter in die EU verkauft haben, denn er bleibt bei meinem Anliegen, das UTV ohne Mehrwertsteuer zu kaufen, freundlich und entgegenkommend, bietet mir sogar einen Preisnachlass an, wenn ich auf die Garantie verzichte. Die Garantieleistungen sind ja noch so ein Papiertiger innerhalb der EU. Selbst die großen Autokonzerne verweigern Garantieleistungen von importierten Neuwagen, wenn sie dies auch nicht dürfen.

Für mein UTV hätte ich hier in Deutschland also sowieso keine Chance auf Garantie, zumal es auch noch anglifiziert (englisch gemacht) ist. Wenn man auf Brüssel hört, darf man natürlich nicht auf die Garantie verzichten, aber wer hört heute schon noch auf Brüssel, dieses unerhörte Gestrüpp widerstreitender Interessen und verschlungener Pfade. Das Lenkrad ist allerdings links geblieben.

Am Ende ist der Preisunterschied zu einem Kauf auf dem Kontinent doch noch so groß, dass sich der Deal lohnt.

Pfund sei Dank!

Außerdem ist das UTV einfach hübscher, als die kontinentalen Importvarianten. Nicht vergessen, das Ding kommt ja aus China.

Irgendwie kommt man aber nach allen Erwägungen nicht so ganz dran vorbei, dass der Einkauf in Großbritannien eine Liebhabersache ist. Der grenzüberschreitende Warenverkehr ist eben doch an vielen Stellen verkompliziert, was zu Lasten der Insulaner geht. Wessen Schuld das ist, kann ich nicht beurteilen. Allerdings scheinen viele britische Händler sich daraus eine „ohne mich“ Mentalität gebastelt zu haben. Als ich mir über Ebay Großbritannien ein paar bequeme Slider gekauft habe, die es nur in England gibt, kamen diese auch prompt bei mir an. Der Karton aber trug diverse Zollstempel, obwohl die Dinger ja eigentlich zollfrei sind. Irgendwas läuft da nicht rund und ich möchte wetten, dass dieses etwas mit Bürokratie zu tun hat.

Wie auch immer. John war der einzige, der auf meine Anfragen geantwortet hat und sein Laden liegt am nächsten zur Grenze. Alle anderen hüllten sich in Schweigen. Mit wem handeln die Briten eigentlich noch?

Könnte es sein, dass die Bevölkerung in England gar nicht so borniert und isolationistisch eingestellt ist, wie es in den Medien dargestellt wird. Vielleicht sind die Briten noch nicht einmal das Opfer der politischen Manipulationen um den Brexit geworden.

Möglicherweise funktioniert die EU einfach nicht so, wie sie es sollte. Vielleicht sind die Handelshemmnisse vielerorts nur auf dem Papier behoben worden und auf anderen Papieren noch voll existent. Warum in drei Gottes Namen zahlt man die Mehrwertsteuer dort, wo man das Auto anmeldet und nicht dort, wo man es kauft? Dafür kann ich mir gar keine andere rationale Begründung vorstellen, als die, EU-Bürger daran zu hindern, sich ihr Auto dort zu kaufen, wo es am billigsten ist.

In den Medien wird immer der Eindruck erweckt, dass die Briten nun aus einem funktionierenden, europäischen Binnenmarkt aussteigen wollen. Mein Eindruck ist vielmehr, dass das Inselvolk nun, bei einem nicht hinreichend funktionierenden Binnenmarkt, die Konsequenzen zieht.

Vielleicht ist das ja doch kein Fehler?

Vielleicht ist die Horrorvorstellung, dass die Briten nun endlos über ihren Ausstieg verhandeln, ja real überhaupt kein Horror, sondern eine Therapie für die EU?  Die Aufarbeitung der Frage, was in den letzten Jahren in der EU wirtschaftlich nicht funktioniert, sollte allerdings öffentlich geschehen. Die Medien müssen dringend aufhören, an der Oberfläche zu kratzen und parteiisch für oder gegen Großbritannien zu berichten.

Großbritannien könnte auch ein Präzedenzfall im positiven Sinne werden.