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Altarraum der Nathanael Kirche (Homepage der Gemeinde)

Sönke Paulsen, Gedächtnisbüro Berlin

Kann eigentlich ein schlecht geheizter Raum, der meist so groß ist, wie eine Bahnhofshalle, Geborgenheit vermitteln?

Die Antwort lautet ja, wenn es eine Kirche ist.

Woher das rührt, ist schwer zu sagen. Ob man dort näher bei Gott ist, weiß ich nicht.

In meinem Fall ist es die Architektur, die mir behagt und mir das Gefühl gibt, dass es tatsächlich auch meine Kirche ist. Das Mittelschiff ist hoch, sehr hoch, fast so hoch, wie der Turm, die etwas spitz zulaufenden Bögen lassen noch viel Raum für die drei Emporen, von denen aus man immer noch weit nach oben schauen kann.

Der Blick nach oben wird zugleich wieder hinuntergeführt zum Altar, der schlicht ist. Dahinter Wandmalereien aus Jesus Leben, die mich an meine Kindheit in den Sechzigern und zugleich an eine Kapelle bei Nizza erinnern, welche Jean Cocteau in den Fünfzigern gestaltet hat.

Die Geborgenheit rührt wohl aus meiner Kindheit her oder von dem warmen Mantel, den ich mir heute angezogen habe, am ersten Advent.

Ich besuche diese Kirche öfter, ohne direkt am Gemeindeleben teilzunehmen. Die Wände sind teilweise in einem Rosa gehalten, das ich als fleischfarben bezeichnen würde. Auch das erzeugt Geborgenheit.

Der Leib Christi wurde auch heute am Ende des Gottesdienstes beim Abendmahl heraufbeschworen, mit einem Keks, den die Gläubigen mit etwas Rotwein herunterspülen (das Blut Christi). Die Stelle, an der ich immer gehe.

In der Kirche meiner Kindheit hing Christus an einem großen verzierten Kreuz von der Decke, um ihn herum kleine Engel mit Kelchen, die sein Blut auffingen. Das Blut das aus seinen Wunden schoss, war mit kunstvoll gebogenen, roten Drähten dargestellt. Das erinnere ich noch ziemlich genau.

Heute war wieder der Chor dabei. Ein kleines Ensemble von jüngeren Leuten, die moderne Kirchenlieder singen, mit Keyboard, Xylophon und Gitarre. Gitarre haben wir damals auch in der Kirche gespielt, zu meiner Konfirmation. „Oh when the Saints…“ Nicht so gut, wie das heutige Ensemble, aber deutlich hörbar.

Ich gehe von Zeit zu Zeit ganz gern in diese Kirche. Ich komme dann mit mir selbst in Kontakt.

Meine Eltern waren zu meiner Konfirmation auch in der Kirche, ein einziges Mal in ihrem Erwachsenenleben. Mein Vater war noch später einmal da, aber da lag er in einem Sarg und ich bin weinend hinterher gegangen. Das war es schon mit seiner Kirchengeschichte. Bei meiner Mutter, die heute noch lebt, sieht es etwas besser aus, weil sie sich zumindest einer Kirchengemeinde angeschlossen hat, Unternehmungen mitmacht. Das ist ihr aktiver Beitrag gegen ihre eigene Einsamkeit in dieser Hinsicht.

Fühle ich mich einsam in der Kirche? Ich glaube nicht. Ich bin in Gesellschaft vieler Erinnerungen, sogar Erinnerungen aus dieser Kirche, am Grazer Platz. Ich bin auch in Gesellschaft von Menschen, auch wenn ich nicht mit ihnen im Gespräch bin. Wir murmeln nur von Zeit zu Zeit das gleiche. Amen.

Ich weiß auch nicht, ob ich mit diesen Menschen ins Gespräch kommen möchte, bin nicht sehr neugierig. Für den christlichen Glauben ist Offenheit für Andere nicht ganz unwichtig, aber auch keine zwingende Voraussetzung. Man darf auch allein mit Gott bleiben, dagegen gibt es keine Vorschrift. Besser aber wäre der Kontakt mit der Gemeinde. Kirchlich aktive Christen sind aber nicht mein Fall.

Trotzdem bin ich gern hier. Die Kirche ist unaufdringlich und großzügig. Das zeigt sie nicht nur in ihrem Gebäude, sondern auch in der Predigt durch den Pfarrer. An keiner Stelle wird man zu etwas gezwungen, niemals manipuliert.

Er sprach heute über die Liebe zum König (gemeint ist Jesus) und die Abneigung gegen die Monarchie. Freimütig bekannte er in der Kanzel, dass die Mehrheit der Leute einfach nur Weihnachten feiern und mit Jesus nichts am Hut haben. Neben sich hatte er eine Krone und vor sich ein Kerze, die er schlicht als etwas bezeichnete, das zum Leuchten gemacht ist. Die Waffe des Lichtes gegen die Finsternis und das Dunkle in unserem Leben.

Er ist erkennbar unzufrieden mit der Lage der Welt, aber wer ist das nicht. Die alten Leute, die hier überwiegend im Kirchenschiff sitzen, die namentlich erwähnt und gesegnet werden, wenn sie Geburtstag haben oder nicht mehr da sein können, weil sie gestorben sind, tragen diese unaufdringliche Kirche noch.

Junge Leute gibt es, zumindest in den Gottesdiensten, wenig. In der nächsten Woche wird ein Kindergottesdienst mit Kindern aus der evangelischen Kita stattfinden. Eine Hoffnung?

Nein, die Kirche boomt weiterhin nicht. Die Austritte nehmen von Jahr zu Jahr zu. Auch ich wäre beinahe ausgetreten, als sich die evangelische Kirche in den letzten Jahren stark politisiert hat. Sie verhielt sich dabei wie eine NGO, die sich auf Minderheiten spezialisiert hat und nicht wie eine Kirche der Vielen, wie eine Grundlage der Gesellschaft. Schicksal der allgemeinen Zersplitterung und einer Medienwelt, die Normalität nicht schätzt und deshalb auch nicht berichtet. NGOs leben von Skandalen und Skandalisierungen.

Die Kirche ist aber eine stille Kraft, die aus der Tradition lebt. Als das schätze ich auch unsere Kirche am Grazer Platz, das strahlt sie aus.

Der Pfarrer sagte, dass wir selbst so eine Kerze sein sollten, die Licht ins Leben bringt, Gottes Licht natürlich, kein kaltes und entblößendes Neonlicht. Ich denke, er meinte das und bin einverstanden.

Das protestantische Christentum ist eigentlich sehr unauffällig. Es trägt nicht dick auf. Wenn es mahnt, dann mahnt es leise. Deshalb wird es meist vergessen, genauso, wie diese Kirche, die sich nur am Heiligen Abend und zu Ostern richtig füllt. Das ist eigentlich nicht gut, weil unser gelebtes Christentum mit allem zusammenhängt unsere Verbindung zur Welt prägt und letztlich unsere Seele ausmacht. Mag sein, dass hier in Berlin Christen gar nicht mehr in der Mehrheit sind, aber darum geht es nicht.

Es geht darum, nicht zu vergessen, wo man herkommt und was einen ausmacht, im Kern ausmacht. Wenn wir dann vergessen, dass wir Christen sind, bleibt vieles in unserer Seele unzugänglich.

Die Adventszeit ist eine Chance, sich daran zu erinnern.